Resilienz - Was unsere Gesundheit fördert in Zeiten von Corona

Prof. Dr. Barbara von Meibom (B.v.M.) mit Dr. Joachim Galuska (J.G.) Video-Interview 13.10.2020

B.v.M.  Joachim Galuska ist Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatische Medizin und hat die Heiligenfeld Kliniken aufgebaut. Die Heiligenfeld Kliniken sind ein Klinikverbund, der vielfach ausgezeichnet worden ist als einer der besten Arbeitgeber im Gesundheitssektor. Unser heutiges Thema ist Resilienz oder was uns gesund erhält.

J.G. Es geht mir dabei sowohl um das Individuelle als auch um das Organisatorische. Oder auf ein Unternehmen oder auf eine Organisation bezogen und dann um das Gesellschaftliche und Globale.

Ja – also mit anderen Worten: wir befassen uns nicht nur mit uns selbst, sondern auch mit den Bedingungen, unter denen wir leben in der Gesellschaft und im Kollektiv.

Vielleicht können wir das gleich ein bisschen vertiefen. Der Ausgangspunkt sollte sein, wenn man sich fragt, was uns gesund erhält, dass – in dem moderneren Sinne des Verstehens von Gesundheit – wir Gesundheit nicht als Abwesenheit von Krankheit verstehen, sondern als eine eigenständige Kompetenz. Eigentlich spricht man heute in der Gesundheitsforschung von dem Kompetenzmodell, also was sind die Fähigkeiten eines Menschen, um gesund zu sein und welche Qualitäten erlebt er dann?

Und um gesund zu bleiben – nehme ich mal an.

Und um gesund zu bleiben und Gesundheit zu entwickeln. Es spielt dann ja auch eine Rolle, dass ein Mensch, der gesund ist und gesundheitsfähig ist, natürlich eine bessere Fähigkeit hat, auch mit Krankheit umzugehen. Insofern ist es eine eigenständige Kraft und ein eigener Faktor. Das ist sehr sehr wichtig, zu sehen, dass Gesundheit für sich eine Bedeutung hat. In der modernen Gesundheitsforschung benutzt man dieses Kompetenzmodell und sagt, es gibt verschiedene Dimensionen, auf die man achten soll, weil sie eine besondere Wirksamkeit haben. Und das bringt uns dann auch schon zur Resilienz. Resilienz ist eine Kompetenz der Widerstandsfähigkeit, der Fähigkeit, mit Krisen umzugehen, der Fähigkeit, sein Leben meistern zu können – auch in Belastungssituationen. Und diese Kompetenz hat mindestens diese drei Faktoren: der erste ist die personale Kompetenz, das, was wir als die persönlichen Fähigkeiten verstehen, mit sich selbst umzugehen – also Selbststeuerung, Selbstführung. Daher kommt der Begriff Selbstwirksamkeit, also, dass ich fähig bin, auf mein eigenes Leben Einfluss zu nehmen. Dann ist meine Widerstandsfähigkeit auch größer. Selbstwirksamkeit, Kohärenzsinn hat man auch gesagt, ist also einer der wichtigsten Faktoren dabei. Man könnte es aber erweitern in dem Sinne der Fähigkeit, sich selbst zu führen, selbst zu steuern – letztendlich sein eigenes Leben selbst zu gestalten. Und da muss man auch in die Tiefe gehen und schauen, was sind die tieferen inneren Werte und inneren Ziele die ich habe, die ich verfolge und wie kann ich mich selbst so im Leben bewahren und führen, dass ich damit einverstanden bin und dass es mir gut tut.

Also das geht auch in Richtung von Stimmigkeit, also seelisch-geistige Stimmigkeit, aber auch was für meinen Körper stimmig ist oder welche Beziehungen stimmig sind für mich?

Genau! Heutzutage hat man ja auch vor allen Dingen in der Psychosomatik – also in einer etwas ganzheitlicher verstandenen Medizin – das sogenannte biopsychosoziale Modell des Menschen, dass man eben sagt, er ist ein biologisches Wesen, ein körperliches Wesen, er ist ein psychisches, also seelisches Wesen und ein soziales Wesen. Wenn wir jetzt über personale Kompetenz sprechen, dann bedeutet das natürlich, dass ich fähig bin, meine Körperlichkeit in einen guten Zustand zu bringen und zu balancieren. Und das ist klassischerweise natürlich – sagen wir mal – was man so Fitness nennt, also die Fähigkeit, etwas Gutes für den Körper zu tun, was ihn stärkt, was ja jetzt in Krisenzeiten z. B. bedeuten würde: Wie kann ich mein Immunsystem stärken, indem ich mich gesund ernähre, indem ich genügend Vitamine nehme, indem ich genügend an die frische Luft gehe, genügend Sonne tanke, mich bewege, damit mein Kreislauf aktiv ist und damit das Immunsystem gestärkt wird.

Das, was du gerade über den Fitness-Begriff erfasst – aber ich
denke, du meinst einen viel weiteren Begriff.

Ich meine natürlich ein erweitertes Verständnis von körperlicher Gesundheit, zu der dann auch die subjektive Dimension gehört, also: wie fühle ich meinen Körper, wie gehe ich mit meinen Sinnen um, wie spüre ich meinen Körper, bin ich in meinem Körper zuhause, nehme ich ihn ernst, kümmere ich mich um ihn? Und natürlich auch: versorge ich ihn, schaue ich, dass ich also Vorsorge betreibe und Fitness treibe, aber vor allen Dingen auch, dass es ihm gut geht? Da könnte man auch wieder so einen Begriff wie Wellness auf die andere Seite stellen. Es ist natürlich mehr, es ist ein Hineingehen in die eigene Körperlichkeit. Und schon dieser Aspekt zeigt, dass ich dann natürlich auch an Schwellen komme, an Schwierigkeiten komme, weil ich vielleicht nicht alles in meinem Körper akzeptiere, weil ich nicht mit allem einverstanden bin, weil ich an manchen Stellen Stressspannungen habe, die mich wiederum mit meiner Lebensgeschichte, meiner Seele, in Verbindung bringen. Also wir hängen ganz zusammen mit dem nächsten Aspekt, den man vielleicht „seelische Gesundheit“ nennen könnte. Was mehr bedeuten würde: Wie kann ich mit meinen Gefühlen umgehen? Bin ich in der Lage, mich selbst auch ein bisschen zu steuern oder bin ich von unbewussten, instinktiven Dingen total getrieben, habe ich viele ungelöste Probleme, die mich dauernd unter Spannung setzen?

… ja das klassische Feld von Psychosomatik und bei schwereren Fällen von Psychiatrie, bei denen man erkennt, dass in den seelisch-geistigen Dimensionen etwas virulent ist, was sich dann auch auf der körperlichen Ebene als eine Schwierigkeit manifestiert.

Ja, und ich würde heute noch weiter gehen und sagen: Die meisten Menschen haben unaufgelöste seelische Probleme, viele haben auch schwere oder auch leichtere Traumatisierungen oder Missbräuche oder schwerere Verluste, die sie nicht verkraftet haben. Sie sind nicht seelisch krank, aber haben diese Dinge in sich und sind dadurch eingeschränkt in ihrem Selbstgefühl und in ihrem Leben.

Darf ich hier nachfragen: Ist das nicht normal, ist das nicht Teil des Lebens?

Das ist insofern „normal“, aber es ist eine Blockade, es ist eine Einschränkung, und die wäre auflösbar, wenn man in Selbsterfahrung gehen würde. Also ich bin eigentlich ein Fan davon, von der Bevölkerung zu verlangen, in Selbsterfahrung zu gehen. Das heißt nicht, sie sind krank, aber jeder hat unaufgelöste Dinge, die ihn selbst einschränken und die ihn auch in den Beziehungen, die er hat, einschränken, und wenn er daran arbeiten würde, würde er sehr viel freier sein, sehr viel lebendiger sein.

Selbsterfahrung ist ja klassischerweise verbunden mit der Teilnahme an irgendwelchen Gruppen oder was auch immer. Kann man nicht sagen, dass wir – wenn wir in Beziehungen aufmerksam sind für das, was da in Resonanz zu unserem eigenen Verhalten passiert – dass wir dann die Möglichkeit haben, uns selbst kennen zu lernen? Also, indem ich in Kontakt mit anderen bin, erfahre ich, wer ich bin; ich muss nur bereit sein, willens sein, nicht immer meine Schwierigkeiten nach außen zu projizieren auf den anderen, sondern eben auch auf mich zu gucken.

Ja – die zweite Dimension von Gesundheit würde man „soziale Kompetenz“ nennen. Man könnte auch sagen „Beziehungskompetenz“, die Fähigkeit, Beziehungen glücklich zu erleben. Das heißt aber auch, sich in Beziehungen zu steuern, also z. B. Nähe und Distanz zu regulieren, bindungsfähig zu werden, sich auf Menschen einlassen zu können, sich auseinandersetzen zu können, sich einfühlen zu können, empathisch zu sein, überhaupt mitgefühlsfähig zu sein, dem anderen zuhören zu können, kommunizieren zu können.

Warum ist das alles so wichtig für Gesundheit?

Weil sich eben herausgestellt hat, dass soziale Beziehungen – vor allem enge soziale Beziehungen – der stärkste oder der zweitstärkste gesundheitsförderliche Faktor sind. Die Resilienz, die wir haben, ergibt sich aus einem Zusammenspiel von persönlicher Fähigkeit, mit sich umzugehen, sein eigenes Leben zu gestalten und Beziehungen gut zu gestalten. Und die dritte Dimension wäre, einen Sinn im Leben zu fühlen oder etwas, was einen überschreitet, also eine „Sinn-Kompetenz“ oder auch „spirituelle Kompetenz“, wie auch immer man das nennen will. Diese drei Faktoren sind auch wissenschaftlich belegt als die wichtigsten Faktoren für die Gesundheit eines Menschen. In-sofern ist die soziale Dimension so wichtig. Aber die Fähigkeit der Menschen, in den sozialen Beziehungen kompetent zu sein, ist auch begrenzt. Insofern ist es natürlich möglich, dass ich in meinen guten Beziehungen – vor allen Dingen Freundschaften – wenn ich bereit bin zuzuhören und auch mal den anderen mich konfrontieren zu lassen, etwas über mich lernen kann und auch wachsen kann. In der Regel wird es aber so sein, dass ich einen professionelleren Zusammenhang brauche. Insofern glaube ich, dass es gut wäre, wenn wir alle in Workshops gehen würden, in Selbsterfahrungsgruppen gehen würden usw. Wir selbst neigen nämlich dazu, uns ein bisschen zu täuschen über uns selbst. Wir gucken nicht so gerne in unsere Schattenseiten und da hin, wo es weh tut. Es ist eine ganz unbewusste Form, da einen großen Bogen drum herum zu machen. Aber das sind genau die Dinge, die uns einschränken in unserem Leben und die uns unfrei machen.

Okay – und nochmal zurück zu dem Punkt Gesundheit. Das sind die Dinge, die uns eben möglicherweise auch krank machen. Könnte man umgekehrt sagen, wenn wir krank werden oder wenn wir in der Gefahr sind, krank zu sein, dass wir dann über den Körper einen Hinweis bekommen, dass wir mal auf unsere seelisch-geistige Verfassung gucken sollten und auf unsere sozialen Beziehungen und die Art und Weise, wie wir leben?

Der Körper ist da sicherlich ein ganz wichtiger, guter Signalgeber! Aber unsere Gefühlswelt ist das auch! Wenn ich jetzt die dritte Ebene nehme mit der Sinnkompetenz, der spirituellen Kompetenz, dann würde ich sagen, die wichtigste Methode dazu ist „Achtsamkeit“, also die Fähigkeit, das zu beobachten, was mit einem geschieht, also eine gewisse Distanz immer wieder herstellen zu können, zu dem eigenen inneren Erleben. Wenn ich das kann, dann kann ich auch meine körperlichen Signale wahrnehmen. Ansonsten leide ich halt einfach nur unter ihnen und versuche, sie irgendwie wegzubringen. Aber es kann auch sein, dass ich sie dann ernst nehme, dass ich versuche, sie zu verstehen, dass ich eine positive fürsorgliche Haltung ihnen gegenüber einnehme und dann die Botschaft verstehe. Die Botschaft kann auch einfach nur sein: Da entwickelt sich gerade ein Krankheitsprozess oder ich habe mir einen Virus zugezogen oder irgendwie so etwas. Aber die Botschaft kann auch sein: das ist eine chronische Spannung, die ich in mir habe, eine Belastung, die ich in mir trage, wo ich dann merke: jetzt ist es notwendig, dass ich da mal ein bisschen intensiver hinschaue. Aber unsere Emotionen zu betrachten und zu steuern, zu regulieren – emotionale Kompetenz sagt man ja heute dazu – die ist viel weniger gegeben. Man ist da meistens so involviert, so identifiziert, dass man diese Beobachtungsfähigkeit eben oft nicht hat. Und dazu hilft jetzt diese dritte Ebene, wenn man sie schult; da würde eine meditative Technik helfen.

Ich bin ja sehr oft in Indien gewesen und in dem Kontext bin ich auf eine weitere Möglichkeit der Schulung sehr intensiv hingewiesen worden, nämlich, dass man etwas für andere tut. Wir wissen ja alle, man kann etwas für andere tun, allerdings auch an dem Helfersyndrom leiden, bei dem man hilft, um sich selbst zu helfen. Aber diese Drehung um sich selbst wird ja auch dadurch aufgehoben, dass man Sinnvolles tut für andere. Ist das auch ein Weg – also Meditation ja – aber eben auch tätige Nächstenliebe?

Also die dritte Dimension „Sinn-Kompetenz“ heißt ja nicht unbedingt nur geistige Kompetenz, die vielleicht dazu gehört, sondern tatsächliche Sinn-Kompetenz, und Sinn erschließt sich für Menschen eigentlich nur darüber, dass sie sich selbst überschreiten. Also nur in Bezug zu einem anderen Menschen oder zu etwas Größerem oder zur Welt erfahre ich Sinn. Wenn ich etwas tue, was mich selbst überschreitet, wo ich vielleicht für meine Kinder da bin, für meine Eltern da bin, für die Gemeinde da bin, vielleicht auch für eine Idee, eine religiöse oder eine spirituelle oder wie auch immer – eine Idee, für die Welt etwas zu tun. Aber es braucht immer diesen überschreitenden Kontext. Wenn ich nur für mich selbst da bin, also egozentrisch gesehen, dann wird das hohl und leer auf die Dauer – das trägt nicht.

Und das ist auch nicht gesundheitsrelevant, wenn ich das jetzt richtig verstehe.

Und würde dann auch auf die Dauer gar nicht gesundheitsrelevant sein, sondern ganz im Gegenteil dazu führen, dass ich irgendwann mal in ein Loch falle, weil mir etwas fehlt, was eben in einem größeren Zusammenhang nur erfahrbar ist und nur in Überschreitung von mir selbst lösbar.

Das ist ein wichtiger Punkt in einer Gesellschaft, die uns doch im hohen Maße dazu erzieht, dass wir vor allen Dingen das eigene Überleben, die eigene Exzellenz und den eigenen Erfolg verfolgen sollten. Deswegen würde ich jetzt gerne mal auf die zweite Ebene von Resilienz eingehen. Wie entwickelt sich denn unser gesellschaftliches Zusammensein, auch jenseits von Corona? Wie entwickelt sich aus deiner Wahrnehmung, als Chef von einem ganzen Klinikverbund die Fähigkeit in unserer Gesellschaft, diese Resilienz-Kompetenz zu leben oder zu erwerben?

Auf dieser Mesoebene, in der wir ja alle in irgendeiner Form beteiligt sind, weil wir in Organisationen aktiv sind, in Institutionen, in Unternehmen, in Vereinen, Verbänden, Gemeinden oder so, auf dieser Ebene ist die Resilienz eine kollektive Angelegenheit. Es ist nicht individuelle Resilienz, sondern man könnte sagen kollektive Resilienz. Wodurch zeichnet sich eine resiliente Organisation aus? Sie ist dann gegeben, und das ist ja in der augenblicklichen gesellschaftlichen Situation ganz evident, wenn ich so viel Kooperationsfähigkeit, Innovationsfähigkeit und Identifizierung mit dem Gemeinsamen, mit dem Wir habe, dass ich auch in einer Krisensituation handlungsfähig bleibe. Dann überlebe ich und lebe ich. Und der Schlüssel zu dieser organisationalen Resilienz ist das, was man die Unternehmenskultur oder die Organisationskultur nennen könnte.

Also das eigentlich Verbindende, jenseits von Regeln, Ordnungen etc., also das, was an eigentlich nicht ausgesprochenen Werten, an Beziehungsqualitäten existiert?

Der direkte Zugang zur Kultur ist, sich die Frage zu stellen: Wer sind wir eigentlich? Was ist unser Selbstverständnis als Wir, als Organisation, als Gruppe, als Gemeinde? Wenn wir mal anfangen zu beschreiben, was das Besondere von uns ist, das Eigentliche, das was uns ausmacht, unsere Aufgabe, aber auch unseren Sinn usw., dann kommen wir genau zu dem, was du angedeutet hast, nämlich den tieferen Werten.

Das heißt, es ist etwas ganz anderes, als wenn ich mich jetzt als Vorstand hinsetze, Unternehmenswerte definiere, es auf die entsprechende Webseite setze und der Belegschaft sage, das sind jetzt unsere Unternehmenswerte, etc.

Ja gut, das wäre ein Anfang, wenn das dann dazu führen würde, dass eben alle miteinander ins Gespräch kommen und sich austauschen und sagen: Machen wir uns da was vor? Ist das einfach ein Hochglanzwert, ist das ehrlich gemeint, stehen wir dazu? Wo verstoßen wir denn selbst gegen unsere eigenen Werte? Oder stimmt das überhaupt nicht, oder nicht mehr, oder vielleicht war das mal richtig, ist es das heute noch? Eine lebendige Unternehmenskultur ist eine, die ständig im Dialog ist miteinander. Das macht Kultur aus, und der Dialog führt zu einem gemeinsamen Verständnis. Das heißt nicht, dass alle Menschen in einer Organisation die gleichen Werte vertreten, aber sie können mindestens die Werte, die zu dem gemeinsamen Fundus gehören, tolerieren, selbst wenn sie vielleicht andere Schwerpunkte legen. Das darf ja durchaus sein, aber man entwickelt so ein Wertegefüge. Heute spricht man sowieso mehr von komplexeren Wertesystemen, die wir verwirklichen müssen. Nur einen Wert, nämlich Profitabilität oder Rentabilität zu vertreten, ist zu reduziert, und das würde auch die Kultur nicht tragen; das zeigen die renditeorientierten Unternehmen.

Da fällt mir ein, dass die Heiligenfeld Kliniken als Claim „Leben lieben“ haben. Komplexer geht es eigentlich nicht und gleichzeitig basaler auch nicht.

JWir haben die Mitarbeiter gefragt: Was sind denn eure Vorstellungen, was ist das Wesentliche von Heiligenfeld, was uns ausmacht? Und dann sind ganz viele Dinge gekommen, wie Achtsamkeit, Gemeinschaft, Innovation usw. und die haben wir dann Essenzen genannt – also wesentliche Kräfte – und diese Essenzen wurden dann beschrieben und ersetzen das sogenannte Leitbild. Es sind Werte oder Prinzipien, die für uns wesentlich sind, und es sind jetzt so viele, dass keiner sie alle ständig im Auge haben kann. Aber man hinterfragt ständig:  Wie ist das jetzt damit?

Darf ich da mal einhaken?  Heißt das, wenn es jetzt einen massiven Konflikt gibt – und in jeder Organisation gibt es massive Konflikte – dass tatsächlich sich auf solche Werte bezogen wird und es dann auch so etwas gibt wie eine Fehlerfreundlichkeit und einen Lerneffekt?

Die Frage für eine lebendige Unternehmenskultur ist: Wie leben wir unser Selbstverständnis und unsere Werte? Und das führt immer wieder zu Reibungsflächen, weil die individuellen Vorstellungen natürlich unterschiedlich sind. Es braucht dann in einer resilienten Organisation regulatorische Kompetenzen, wie z. B. Supervision oder Coaching oder Konfliktcoaching. Solche Dinge sind gerade dafür da, sich auszutauschen, wenn die Menschen den Eindruck haben, hier werden jetzt die Vorstellungen nicht mehr erfüllt.

Heißt das, dass eine resiliente Organisation eine größere Chance bietet, dass ich – ich nehme mich jetzt mal als Mitarbeiter/Mitarbeiterin – meine eigene Resilienz in Bezug auf meine persönliche Gesundheit auch besser aufgehoben fühle oder erlebe, als wenn ich in einer Organisation bin, die nach dem Prinzip Profitmaximierung oder ähnliches sehr stringent geführt wird, ohne solche Faktoren wie Unternehmenskultur, Gesundheitsvorsorge etc. zu berücksichtigen?

Die individuelle Resilienz basiert in der Tiefe letztendlich auf den individuellen Werten, also meinen fundamentalen Vorstellungen über das Leben, die sich dann natürlich ausdrücken in meiner Lebensgestaltung und aus denen heraus ich auch die Entscheidungen treffe, was ich für meinen Körper, meine Seele, meinen Geist, meine Beziehungen tue und wo ich hin will. Es wird notwendig sein, immer eine Art von Passung herzustellen zwischen meinen individuellen Werten und den Werten des Feldes, in dem ich arbeite. Das betrifft auch die Menschen, mit denen ich zu tun habe, Freundschaften, Beziehungen. Wenn ich da in den tieferen Werten nicht verbunden bin, dann funktioniert es natürlich auch nicht. Aber vor allen Dingen in einer Organisation: Wenn die organisationellen Werte, beispielsweise reine Profitabilität, reine Wirtschaftsorientierung mit meinen individuellen Werten im Einklang stehen, dass ich sage, mir geht es auch nur ums Geld und Hauptsache ich werde gut bezahlt und liefere halt meine Leistung ab, dann würde darin kein Konflikt  liegen. Aber wenn ich z. B. sage, mir ist das Leben wichtig, Achtsamkeit, liebevolles Miteinander-Umgehen, und das ist mir wichtiger als das maximale Geldverdienen, dann steht das natürlich im Widerspruch zu einem Unternehmen, das rein funktional orientiert ist. Und das ist natürlich auf die Dauer nicht auszuhalten.

Und jetzt komme ich zu der Frage zurück, die ich eigentlich eingangs gestellt hatte, als wir auf die Mesoebene gegangen sind: Wie nimmst du die Entwicklung in unserer Gesellschaft wahr, in Bezug auf genau dieses Spannungsfeld, zwischen durchaus unterschiedlichen personalen Werten und dem, was in den Unternehmen gefordert wird von den Menschen? Kann man da eine tendenziell generalisierende Aussage machen? Ich erinnere mich daran, dass ihr mal einen Aufruf gestartet habt von vielen Klinikchefs, wo es um Burnout-Entwicklung ging in unserer Gesellschaft.

Gesellschaftlich gesehen laufen die Fähigkeiten der Einzelnen, sich gesund zu erhalten, resilient zu bleiben, mit den gesellschaftlichen Kräften und Tendenzen auseinander. Das heißt also, die Beschleunigungsprozesse und die Entfremdungsprozesse, die Überflutung durch die Medien und auch die Funktionalisierung letztlich des Menschen, die immer stärkere Ökonomisierung des Lebens, Konsumorientierung – also alles äußerliche Dinge – überfordern einen gewissen Teil der Gesellschaft, und dieser gewisse Teil ist nicht klein. Es dürfte etwa 1/3 dieser Gesellschaft sein und ich habe immer gesagt, 1/3 der Gesellschaft scheitert, wird dann auch früher oder später seelisch krank. Das sagen auch die Zahlen der WHO: In allen industrialisierten Gesellschaften haben wir 20 – 30 % der Bevölkerung pro Jahr seelische Erkrankungen. Es müssen nicht alle in die Klinik, aber sie sind diagnostizierbar. Wir wissen es ja: 15 – 20 % aller Krankschreibungen sind seelische Erkrankungen, 50 % aller vorzeitigen Berentungen erfolgen aufgrund seelischer Erkrankungen. Das sind aktuelle Zahlen, die haben sich in den letzten Jahren nicht mehr verändert, sie sind aber gestiegen bis zu einem gewissen Punkt, den wir jetzt erreicht haben. Also dieses Drittel ist überfordert, und wir können es uns in einer sozial-orientierten Gesellschaft, einer sozialen Marktwirtschaft, nicht leisten, uns nicht um diese zu kümmern. Und wir müssen uns überlegen, wie wir leben, dass so etwas dauernd passiert. Und dann gibt es vielleicht 1/3, das profitiert von der Dynamik, die gerade da ist; Menschen, die aus irgendwelchen Gründen also robuster sind oder auch vielleicht das für gut halten. Und dann gibt es 1/3, was dazwischenliegt, und das wird das entscheidende Drittel sein, was die Gesellschaft auf die Dauer bestimmen wird – also scheitern diese Menschen oder nicht.

Unter Corona sehen wir natürlich jetzt eine hohe Spannung in der Gesellschaft. Ich als Psychosomatiker würde sagen, wir kriegen Burnout-Prozesse, wenn das so weitergeht, also wenn diese Spannung nicht nachlässt, dieser Druck. Denn Corona ist primär eine angstgetriebene Problematik. Wir haben Angst vor dem Virus und vor dem Tod und das sind tabuisierte Themen. Und wir reagieren darauf mit äußeren Mitteln, also mit Abstand, Distanz, der Suche nach Medikamenten, also biologisch. Wir gehen aber nicht auf den Punkt von Resilienz ein, also wie wir uns stärken können, auch unser Immunsystem stärken. Das führt dazu, dass keine Kompetenzseite wachgerufen wird, sondern nur die defensive Seite. Angst ruft Abwehr hervor, das ist klassisch. Das wissen wir ja aus der Tiefenpsychologie, und Abwehr ist die klassische Reaktion jetzt gerade auf das Virus. Diese Abwehr verbraucht enorm viel seelische Energie, weil jeder ja ständig damit beschäftigt ist: Mache ich jetzt alles richtig, habe ich den richtigen Abstand, verhalte ich mich richtig oder nicht und wie finde ich das überhaupt? Ich verstehe viele Dinge nicht mehr. Dieses permanente sowohl Angst zu haben vor der Krankheit als auch sich orientieren zu müssen, erzeugt natürlich unheimlich viel Spannung.

Okay – dann würde ich jetzt gerne einhaken. Wir wollen mit diesem Gespräch ja nicht die Spannung verstärken, sondern Wege aufweisen, wie wir unsere eigene Resilienz erhöhen können. Die Frage ist: Angesichts eines Negativbefundes der gesellschaftlichen Bedingungen, aber eben auch der Bedingungen einer Corona-Pandemie – worauf sollten wir dann jetzt positiv achten, worauf sollten wir unsere Konzentration und unsere Aufmerksamkeit lenken, damit wir unsere eigene Resilienz stärken?

Den angstgetriebenen Verhaltensweisen kompetenzorientierte Verhaltensweisen zur Seite stellen. Das ist das, was wir beschrieben haben: Wie kann ich in der Situation jetzt gut für meinen Körper sorgen? Wie kann ich dazu beitragen, dass er immun wird, dass er stark wird, dass er sich wohl fühlt, dass er kräftig ist, dass er lebendig bleibt? Was kann ich dafür tun? Und spätestens jetzt sollte ich das mal tun, weil wir das oftmals vernachlässigen! Die meisten in der Gesellschaft ernähren sich nicht gesund – aber jetzt könnte ich mal darüber nachdenken. Oder dass ich mich frage, was mir eigentlich wichtig ist im Leben. Dass ich diese Situation jetzt nutze, um über mein Leben nachzudenken und offensiv darauf zugehe, um die Dinge zu finden, die mir wirklich wichtig sind. Und wir könnten fragen: Welche Beziehungen habe ich, in denen ich glücklich sein kann, in denen ich mich aufgehoben fühle, in denen ich Unterstützung fühle? Denn, wenn ich krank werden sollte: Bei wem kann ich mich dann geborgen fühlen, Halt fühlen, wer begleitet mich dann? Also all diese positiven Möglichkeiten, die wir eigentlich sowieso für Gesunderhaltung oder Gesundheitsbildung haben, wären jetzt besonders gefragt.

Wenn ich so in meinem Umfeld schaue, dann merke ich, dass das, was du jetzt gerade eben sagst, durchaus auch wirklich im Gange ist. Das heißt, es gibt Menschen, die sich ganz neu die Frage nach dem Sinn ihres Tuns und ihrer Arbeit, ihrer Beziehung stellen und die z. T. auch bereit sind, sehr grundlegende Änderungen vorzunehmen. Kann man sagen, dass sozusagen unter der Oberfläche dieses angstgetriebenen Umgangs mit Corona durchaus eine Bewegung stattfindet, die genau diese gesundheitserhaltenden Faktoren befördert? Also die quasi unsere Resilienz-Fähigkeit erhöht?

Ich finde es schön, wenn es Menschen gibt, die die Chance jetzt auch nutzen und das ist auch sehr sehr wichtig! Aber man muss sagen, wenn ich nicht diese Beobachtungsfähigkeit ausreichend ausgebildet habe, dann bin ich im Augenblick einer Komplexität von Welt ausgesetzt, deren Kräfte ich nicht klar genug betrachten kann. Das heißt, ich kann zwar versuchen, jetzt individuell für mich ganz gute Wege zu finden, aber ich muss aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr mit gesellschaftlichen Prozessen identifiziere, hinter denen ich eigentlich gar nicht stehe. Die Gesellschaft, also die Welt, so wie sie ist, hat ja einen enormen Einfluss auf meine Gesundheit. Wenn wir in der Gesellschaft eine Zunahme der seelischen Erkrankungen haben, dann haben wir die, weil die Gesellschaft Strukturen entwickelt und Prozesse entwickelt, die die Menschen eben überfordern, am Arbeitsplatz oder auch in der Medienwelt, in der Politik usw.

Ich möchte gerne unser Gespräch mit einer ermutigenden Botschaft beenden, das heißt für mich: Es gibt nicht unbedingt die Notwendigkeit, alles was passiert, zu verstehen, es gibt auch nicht unbedingt die Notwendigkeit, alles was passiert, einzuordnen. Aber was ich machen kann, ist wirklich zu gucken, was für mich stimmig ist. Auf diesen Ebenen, die wir eben besprochen haben, nämlich auf der körperlichen Ebene, auf der Beziehungsebene, der emotionalen Ebene und auf der seelisch-geistigen Ebene: Da kann ich doch für mich Verantwortung übernehmen und in meinem privaten, aber auch in meinem Umfeld stärker dafür sorgen, als ich das bisher gemacht habe.

Ja – nur würde ich sagen, dass das für ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit am Ende nicht reicht! Weil es nicht nur darum gehen kann, wie ich das alles hinkriege, sondern auch unter welchen Bedingungen ich jeweils lebe und wie ich die Bedingungen so umgestalten kann, dass sie gesund sind. Also: Was kann ich in meiner Partnerschaft tun, was kann ich in meiner Familie tun, was kann ich an meinem Arbeitsplatz tun, dass das alles gesundheitsförderliche, resilienzstärkende, Lebendigkeit unterstützende Systeme sind? Dafür ist es erforderlich, dass ich auch klar genug erkenne: Was sind eigentlich gesundheitsförderliche Strukturen in dieser Gesellschaft und was sind gesundheitsschädliche Strukturen in dieser Gesellschaft?

Und es braucht – glaube ich – auch ein Stück Furchtlosigkeit, um für das einzutreten, was ich als gesundheitsfördernd erkannt habe.

J.G. Also mindestens Furchtlosigkeit im Geiste, wenn man sich auch immer wieder überlegen muss, was man da tut, weil ja nicht alles risikolos ist.

Okay – gut! Ich glaube, das ist ein gutes Schlusswort! Lieber Joachim, ich danke dir sehr und ich denke, es war eine Anregung für viele von uns, weiter zu gehen mit dem Anliegen, dass wir selbst, aber auch unsere Organisationen, unsere Gesellschaft, unsere kollektiven Bedingungen gesundheitsfördernder werden, als sie es bisher sind!

Hier finden Sie das Video-Interview.

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