Corona-Resilienz gegen die Pandemie-Ohnmacht

In den letzten Tagen entspannt sich die Lage im ganzen Land. Inzidenzwerte sinken, Beschränkungen werden aufgehoben, und die Menschen kehren langsam zur Normalität zurück. Die Anspannungen des letzten Jahres können aber oft nicht so einfach aufgelöst werden. Hinzu kommt, dass wir uns ständig vergewissern müssen, welche Regeln nun wo genau gelten, was man darf und was nicht. Corona-Resilienz ist hier das Stichwort, um gegen die Pandemie-Ohnmacht, die Viele von uns spüren, anzugehen. Was es damit auf sich hat, hat uns Dr. Joachim Galuska, Gründer und Gesellschafter der Heiligenfeld Kliniken, in einem Interview verraten.

Burnout-Prozesse sind bekannt. Wie verschlimmert Corona die Situation?

Dr. Galuska: Wir haben seit vielen Jahren die Situation, dass ein Teil der Gesellschaft mit der psychosozialen Belastung überfordert ist. Jetzt kommt auch noch Corona dazu. Das Besondere dieser Pandemie ist, dass sie sehr viel mit Angst zu tun hat: Wir haben Angst vor der Infektion, wir haben Angst vor einer schweren Erkrankung, davor, nicht mehr richtig atmen können, oder sogar zu sterben, falls wir zu einer Risikogruppe gehören. Aber diese Ängste sind nicht nur auf uns selbst gerichtet. Wir haben auch Angst, dass unsere Angehörigen schwer erkranken und wir möglicherweise unsere Eltern vorzeitig verlieren könnten. Mit all diesen Ängsten müssen wir auf einmal zusätzlich umgehen. Wir haben aber auch noch die Situation, dass die Maßnahmen, die beschlossen wurden, für die Menschen sehr schwer nachvollziehbar sind. Die Regeln ändern sich alle paar Wochen. Ich muss mich also ständig fragen, verhalte ich mich konform oder nicht, bin ich jetzt jemandem zu nahe oder nicht? Dies erzeugt zusätzlichen Stress zu dem, den man sowieso schon hat. Diese Aufmerksamkeitsspannung führt zu einem Dauerbelastungszustand: Man könnte sagen chronischer Stress, den manche Leute auf Dauer nicht verkraften können.

Wie lange werden wir diese Situation überhaupt aushalten können?

Dr. Galuska: Psychisch sind wir schon an der Grenze unserer Belastbarkeit, weil wir bereits seit über einem  Jahr mit der Corona-Pandemie zu tun haben. Die Gereiztheit nimmt zu, das Aggressionspotenzial nimmt zu. Wir können nur hoffen, dass ein großer Teil der Bevölkerung damit gut klarkommt. Aber nach allem, was wir wissen, befindet sich momentan mindestens ein Drittel der Bevölkerung in einem Hochspannungszustand und in einem seelischen Überforderungszustand. Insofern haben wir bereits eine Corona-Burnout-Situation, und sie wird noch weiter zunehmen.

Sind alle Menschen gleichermaßen von diesem Burnout-Prozess betroffen?

Dr. Galuska: Ja. Die Voraussetzungen, wie wir individuell damit umgehen, sind jedoch sehr unterschiedlich. Es stellt sich die Frage, ob durch die Corona-Situation in uns etwas aktiviert wird, was von uns bisher unbewusst verdrängt wurde oder in den Hintergrund getreten war. Das heißt also: Wirkt diese Angst wie ein Trigger? Vielleicht bin ich ja in der DDR aufgewachsen, in einem Überwachungsstaat, wo ein gewisses Misstrauen untereinander da war. Und jetzt plötzlich sehe ich viel mehr Polizei, die eben darauf achtet, dass die Regeln eingehalten werden! Das triggert diese alte Geschichte in mir, dass ich mich überwacht und kontrolliert fühle. Wer diese alten Ängste nicht verarbeiten konnte, ist jetzt gefährdet, psychisch zu entgleisen. Diese Empfindsamkeit, diese Vulnerabilität betrifft alle Berufsgruppen und alle Altersgruppen. Insofern sind wir alle davon betroffen.

Im Zusammenhang mit Corona-Burnout nennen Sie immer wieder den Begriff Corona-Resilienz. Was ist damit gemeint?

Dr. Galuska: Die positive Antwort auf diese ganze Belastungssituation ist Resilienz. Die Krise kann auch eine Chance bergen, sich zu entwickeln oder sie mindestens einigermaßen gesund zu überstehen. Der beste Begriff dafür scheint mir der Begriff der Corona-Resilienz. Resilienz meint innere Widerstandsfähigkeit, innere Kraft. Im Fall von Corona heißt das: Wenn mein Immunsystem stark ist, habe ich bessere Chancen, nur einen leichten Verlauf zu haben, als wenn mein Immunsystem schwach ist. In der jetzigen Situation heißt es natürlich: Was kann ich tun, um mein Immunsystem zu stärken, um meine Abwehrfähigkeit zu verbessern? Ich kann an die frische Luft gehen. Ich kann mich bewegen. Ich kann dafür sorgen, dass ich eine gewisse Fitness habe. All das, was mein Immunsystem jetzt stärkt. Ich kann aber auch dazu beitragen, dass ich mich mit meinem Körper wohlfühle, also Wellness betreibe. Aber auch Körperkontakt zum*zur Partner*in und ausreichend Schlaf stärken das Immunsystem. Dies alles zählt zur ersten Ebene.

Was ist die zweite Ebene der Corona-Resilienz?

Dr. Galuska: Die zweite Ebene nennt man auch die seelische Ebene. Wissenschaftlich spricht man von Selbstwirksamkeit, also von der Fähigkeit, selbst auf das eigene Leben und die eigene Gesundheit einwirken zu können. Die Botschaft ist, den Fokus wegzulenken von der dauernden Angst, von der dauernden Ohnmacht, von dem dauernden Ausgeliefertsein, hin zu dem, wo ich Hoffnung habe, wo ich Mut habe, wo ich versuche, meine eigene Kraft zu spüren und etwas zu tun, wo ich etwas für mich oder für andere tun kann, damit ich etwas Positives erlebe. Die dritte Ebene schließlich sind die Mitmenschen, die Beziehungen. Das heißt, wenn ich mich sozial isoliere, indem ich meine Familie aufgebe, an einen anderen Ort ziehe, dort keine Freunde habe, dann komme ich in eine Situation, wo ich in der Krise alleine bin und dann natürlich wenig Regulation habe und mir sehr ausgeliefert bin. Der Begriff Social-Distancing ist für mich eine Katastrophe. Man meint ja damit eigentlich Abstand, und ich kenne auch Länder, in denen das nicht Social-Distancing, sondern Physical-Distancing heißt. Social-Distancing würde ja bedeuten: „Halte dich von den anderen Menschen fern, weil sie gefährlich sind!“ Wenn ein Mitmensch aber eine Bedrohung für mich darstellt, dann ist er keiner mehr, dem ich mich nah fühlen kann, keiner mehr, der mich unterstützt. Dann habe ich kein Vertrauen, aber wir brauchen Vertrauen und Unterstützung.

Was ist denn unter geistiger Kompetenz zu verstehen?

Dr. Galuska: Mit geistiger Kompetenz meine ich die Fähigkeit, geistig nüchtern zu bleiben. Wir werden ja jetzt täglich mit Informationen überflutet und diese Überflutung ist emotional stark aufgeladen. In der Regel ist sie eine Informationsüberflutung, die Angst schürt. Dadurch ist es schwierig, die Fakten zu filtern und die Dinge nüchtern zu sehen. Wir brauchen eine nüchterne Betrachtung der Realität, gesellschaftlich, aber vor allen Dingen auch individuell.

Vielen Dank für das Gespräch!

Was ist Resilienz?

Im Wortsinn bedeutet Resilienz laut Fraunhofer-Institute die Fähigkeit „zurückzuspringen“, also nach Belastungen oder Störungen in das Ausgangsstadium zurückzukehren. In der Physik und den Ingenieurswissenschaften ist Resilienz seit Langem ein Maß, um die Widerstandsfähigkeit von Materialien und Strukturen zu bewerten.
Doch wir können Resilienz-Konzepte auch nutzen, um ganze Systeme und deren Verhalten gegenüber Schocks und Störungen zu analysieren.

Der Wunsch zum Wandel

Die Corona-Pandemie verstärkt einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge bereits vorher schwelende Konflikte zwischen den verschiedenen Wertemilieus. Es gibt aber einen übereinstimmenden Wunsch:

Während von den als Humanisten oder Idealisten eingestuften Menschen etwa
80 Prozent die Einschränkung von Freiheitsrechten zur Bekämpfung der Pandemie akzeptieren, wird sie von fast der Hälfte der besonders leistungs- und erfolgsorientierten Menschen abgelehnt, wie die am 24.02.2021 veröffentlichte Untersuchung ergab. Große Übereinstimmungen gibt es jedoch bei dem Wunsch, nach der Pandemie nicht zur Normalität zurückzukehren. Über 80 Prozent der Befragten halten einen gesellschaftlichen Wandel für wichtig. Klare Mehrheiten dafür gibt es in allen Gruppen.

Dr, Joachim Galuska

Dr, Joachim Galuska

Dr. Joachim Galuska ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und für Psychiatrie und Gründer und Gesellschafter der Heiligenfeld Kliniken. In seiner jahrelangen Tätigkeit als Ärztlicher Direktor beschäftigte er sich viele Jahre mit dem Thema Resilienz in Bezug auf die persönliche und unternehmerische Weiterentwicklung.

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