Achtsamkeit in der Therapie

Achtsamkeit ist in den letzten Jahren fast zu einem Trend geworden.  Aber was steckt wirklich dahinter? In den Heiligenfeld Kliniken ist Achtsamkeit bereits seit der Gründung im Jahr 1990 fester Bestandteil des therapeutischen Konzepts. Die Sozialpädagogin Christine Navuna Papendieck leitet das Achtsamkeitstraining und die spirituelle Krisengruppe in der Parkklinik Heiligenfeld und beschäftigt sich seit vielen Jahren als Yogalehrerin mit Achtsamkeit.

Was verstehen Sie in den Heiligenfeld Kliniken unter Achtsamkeit und wo hat dieser Begriff seinen Ursprung?

Unter Achtsamkeit versteht man das Richten der Aufmerksamkeit auf den jetzigen Moment ohne diesen Moment zu beurteilen oder zu bewerten. Das ist der wesentliche Punkt in der Achtsamkeitspraxis. Der Begriff „Achtsamkeit“ geht in der heutigen Form zurück auf den Medizinprofessor Jon Kabat-Zinn, der 1979 auf der Grundlage buddhistischer Achtsamkeitsübungen das Stressbewältigungsprogramm MBSR (Mindfulness-Based-Stress Reduction) entwickelt hat. Dieses achtwöchige Programm hatte Kabat-Zinn in seiner Klinik bei Patienten angewendet, die unter chronischen Stresszuständen litten. Dabei wurde sichtbar, dass die Patienten, die unter einem sehr  hohen Stresslevel standen, zur Ruhe kamen, wieder Kraft schöpfen konnten und so eine Grundvoraussetzung für Heilung gegeben war. Dr. Joachim Galuska, Gründer der Heiligenfeld Kliniken, war schon vor 30 Jahren davon überzeugt, dass Achtsamkeitsübungen wertvolle Impulse in der Behandlung von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen geben und hat diese Praxis bereits bei der Klinikgründung in den Klinikalltag integriert. Zu dieser Zeit war die Achtsamkeitspraxis in Deutschland noch gänzlich unbekannt. Hr. Galuskas Ziel war dasselbe wie heute: Menschen, die zu uns in die Kliniken kommen, durch das Achtsamkeitstraining wieder in Kontakt mit sich selbst zu bringen.

Was bedeutet „in Kontakt mit sich selbst kommen?“

Menschen, die lange Zeit unter hohem Stress stehen, verlieren immer mehr den Kontakt zu sich selbst. Sie geraten zunehmend in einen Funktionsmodus oder Automatismus, um den Anforderungen, die an sie gestellt werden, oder die sie selbst an sich stellen, gerecht zu werden. Viele unserer Patienten reagieren nur noch und agieren nicht mehr. Sie fühlen sich fremdbestimmt und oft überfordert. Durch Achtsamkeitstraining halten sie inne, und verlassen den Automatismus. Das ist das Ziel: Aus dem reinen Funktionsmodus auszusteigen, im Innehalten zurückzutreten und in eine Beobachterposition zu wechseln, die es ermöglicht alte Muster zu durchbrechen und neue Weichen zu stellen.

Wie kann man sich die Achtsamkeitsgruppe vorstellen?

Kabat-Zinn sagt, dass die Achtsamkeit wie ein Muskel trainiert werden müsse. Ich finde, dass es das gut trifft. Ein regelmäßiges Üben schafft die Grundlage für ein achtsameres Leben. Am Anfang der Gruppe machen wir eine Begrüßungsrunde, in der die Patienten klar formulieren, was sie sich von der Gruppe erwarten, welche Veränderung sie sich wünschen. Anschließend findet die Achtsamkeitspraxis statt. Wichtig ist dabei immer das achtsame Atmen. Das ist die Grundlage jeder Achtsamkeitsübung. Der Atem bringt uns immer ins Jetzt. Atemübungen können immer und überall praktiziert werden. Sie bringen unsere Gedanken zur Ruhe. Weiterhin trainieren wir u.a. den Umgang mit negativen Gefühlen. All diese Übungen helfen uns dabei, im Hier und Jetzt anzukommen, ohne zu bewerten oder zu beurteilen. Meist sind wir mit unseren Gedanken in der Vergangenheit oder der Zukunft. Wir werten uns durch Geschehenes ab (Wieso ist das damals so blöd gelaufen? Ich habe etwas falsch gemacht!), projizieren es auf die Zukunft (Das wird wieder so laufen, ich kann es einfach nicht!) und produzieren daraus wieder schwierige Gefühle (z. B. Angst, Trauer). Aber die Vergangenheit können wir nicht ändern und die Zukunft ist noch nicht eingetreten. Diese Spannung kostet viel Kraft und hält uns häufig davon ab, handlungsfähig im Jetzt zu sein. Das ist das berühmte Gedankenkarussell. Um das zu verändern, braucht es ein Unterbrechen zwischen der Situation, dem Reiz, der auf mich zukommt und der Reaktion. Und hierfür braucht es die Pause – das Innehalten.

Welche Übungen erwarten die Patienten?

Wir praktizieren verschiedene Meditationsformen, wie z. B. Meditation in Stille, Gehmeditation oder Meditation mit Visualisierung wie z. B. die Bergmeditation. Aber auch sanftes Yoga mit Fokussierung auf den Atem, oder den Bodyscan, eine Körperwahrnehmungsübung  „Wie fühlt sich mein Körper jetzt in diesem Moment an.“

Gibt es Menschen, für die Achtsamkeit nicht geeignet ist?

Bei bestimmten Indikationen wie z. B. psychotischen Krankheitsbildern oder sehr stark traumatisierten Menschen, kann eine stille Meditation z.B. mit geschlossenen Augen kontraindiziert sein. Für diese Patienten ist dann vielleicht eine Meditation in Bewegung erst einmal besser geeignet.

Welche Effekte verspüren die Patienten durch Achtsamkeit?

Menschen mit chronischem Stress sind ständig unter Anspannung, z. B. bei einer Angststörung. Das unbewusste Halten dieser Spannung kostet immens viel Kraft. Durch die Achtsamkeit darf sich diese Anspannung langsam lösen. Die Patienten tanken auf und schöpfen Kraft für ihren Heilungsprozess. Kabat-Zinn sagt, dass es eine innere Kraft-Quelle gibt, die uns immer zur Verfügung steht, die uns  wieder nährt, wenn wir ihrer wieder bewusst werden. Wir schlafen besser, werden ruhiger und können aus der „Grübelfalle“ aussteigen. Ein neuer Umgang mit Schmerz, das Wiedererlangen von Selbststeuerung und damit die Befreiung aus der Opferrolle, sowie ein liebevoller Umgang mit sich selbst sind weitere Effekte der Achtsamkeitspraxis. Was mich persönlich in meiner Arbeit immer wieder berührt ist, wenn Patienten aus der Achtsamkeitsgruppe mit einer „stillen Freude“ herausgehen, die erst mal grundlos scheint und doch so spürbar präsent ist.

Christine Navuna Papendieck

Christine Navuna Papendieck

Christine Navuna Papendieck ist Diplom-Sozialpädagogin und seit 2012 als Kreativtherapeutin in der Parkklinik Heiligenfeld tätig. Sie ist Achtsamkeitslehrerin, Yin Yoga Lehrerin und verfügt über eine Zusatzausbildung in Gestalttherapie. In der Parkklinik
Heiligenfeld leitet sie das Achtsamkeitstraining und die Indikationsgruppe „Religiös-spirituelle Krisen“.

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Achtsamkeit ist auch in der Akademie Heiligenfeld ein zentrales Thema. Wenn Sie sich näher mit diesem Thema beschäftigen möchten, dann stöbern Sie doch einmal in den Angeboten unserer Akademie. Online oder in Präsenz: für Jeden ist das Passende dabei.  

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