Work-from-Home-Burnout oder Zoom-Fatigue: Wenn das Homeoffice zur Qual wird

Während in Deutschland die meisten Arbeitgeber*innen spätestens seit dem zweiten Lockdown das Homeoffice als die Problemlösung schlechthin propagieren, schlagen Psychotherapeut*innen und Psycholog*innen Alarm. Die dauerhafte Arbeit im Homeoffice kann zur psychischen Qual mit Langzeitfolgen werden. Meistens treten psychische Beschwerden aufgrund von zu viel Homeoffice allerdings erst nach einiger Zeit auf. Deshalb ist es wichtig, sich selbst und/oder seine Angehörigen zu beobachten und eigene Verhaltensweisen kontinuierlich zu überprüfen.

Welche Alarmsignale gibt es für ein „Work-from-home-Burnout“?

  • abnehmende Konzentration
  • Fahrigkeit
  • Ungeduld
  • erhöhte Reizbarkeit
  • fehlende Balance
  • unwirsches Agieren gegenüber Mitmenschen
  • Genervtsein
  • Kopf-, Glieder-, Rücken-, Magenschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Sehstörungen

Digitales Erschöpfungssyndrom

„Wir kennen dieses Phänomen der Erschöpfung durch digitale Endgeräte nur zu gut, und leider steuern wir gerade auf ein Allzeithoch von Burnouts zu“, sagt Sven Steffes-Holländer, Chefarzt der Heiligenfeld Klinik Berlin, deren Therapieangebot sich mit dem gesamten Bereich psychischer und psychosomatischer Erkrankungen befasst. Doch was ist das so sehr Belastende an dieser neuen Form der Kommunikation? Eine Studie des Instituts für Beschäftigung und Employability (ibe) in Ludwigshafen unter Leitung von Prof. Dr. Jutta Rump hat nach Antworten gesucht (1). An der Befragung im Dezember 2020 haben 422 Geschäftsführer*innen, Führungskräfte, Personalleiter*innen, Personal-Fachleute, Betriebs- und Personalrät*innen sowie Human-Resources-Expert*innen teilgenommen. 62,4 Prozent der Befragten berichteten von Zoom-Müdigkeit.

Bei der erwähnten Zoom-Müdigkeit handelt es sich um ein Phänomen, das es vor einem Jahr noch gar nicht gab: die Belastung und Müdigkeit durch Videokonferenzen. Für dieses Phänomen wurde sogar ein neuer Begriff ins Leben gerufen. Er lautet „Zoom-Fatigue“. Der neu entstandene Begriff „Zoom-Fatigue“ setzt sich zusammen aus dem Wort „Zoom“, das als Kommunikationstool exemplarisch für alle Tools steht, mit denen die Durchführung einer Video-Konferenz möglich ist, und dem französischen Wort „Fatigue“, das übersetzt „Müdigkeit, Erschöpfung“ bedeutet.

Erfahrungsbericht: „Ich wollte den Bildschirm am liebsten gar nicht mehr anschalten“ (Henri M.)

Auch Patient*innen der Heiligenfeld Klinik Berlin wurden innerhalb eines Jahres in eine neue Arbeitswirklichkeit katapultiert. Einer von ihnen ist Henri M., 42 Jahre, verheiratet, zwei Töchter (13 und 5 Jahre alt), Abteilungsleiter in der öffentlichen Verwaltung einer westdeutschen Großstadt. Da er 30 Kilometer zum Erreichen seiner Behörde pendeln muss, war das Homeoffice zunächst eine willkommene Abwechslung. Als im Herbst letzten Jahres wieder vermehrt auf die Arbeit zu Hause gesetzt wurde, nahmen die Symptome, die er schon im Frühjahr verspürte, erneut zu: Magenschmerzen, Schlafstörungen und zeitweise Sehstörungen. Sein Antrieb und seine Motivation nahmen immer weiter ab: „Am liebsten hätte ich den Bildschirm morgens gar nicht mehr angeschaltet. Ich habe mich zunehmend wie ein Zombie gefühlt. Ich war zwar physisch für meine Familie präsent, jedoch trotzdem nicht ansprechbar“, sagte Henri M. Steffes Holländer.

Besonders drastisch ist die Situation bereits in den USA. Dort arbeiten nach Angaben des Wirtschaftsmagazins Forbes 62 Prozent der Erwerbstätigen teilweise oder ganztägig von zu Hause aus. In dem Artikel Work-From-Home Burnout: Causes And Cures“ (2) weist Forbes auf die Gefahr eines Burnouts hin. Laut dieses Artikels verursache ein Burnout eine Vielzahl von physischen und psychischen Erkrankungen: Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Fettleibigkeit, ein geschwächtes Immunsystem, Angstzustände, Depressionen, Rückgang der kognitiven Fähigkeiten.

Vorbeugen statt ausbrennen

„Damit es erst gar nicht zur Erschöpfung kommt, sollten Arbeitnehmer*innen vorbeugen“, sagt Steffes-Holländer und weist auf eine Veröffentlichung des TÜV-Verbands (3) hin. Dort heißt es, dass Unternehmen eine gesundheitsfördernde Unternehmenskultur entwickeln sollten, um das Wohlbefinden der Beschäftigten in Krisenzeiten zu fördern. Dazu gehören Führungskräfte, die regelmäßig nach den Bedürfnissen der Arbeitnehmer*innen fragen, sie bei ihrer Arbeit unterstützen und sie in Entscheidungsprozesse einbinden. Diese Zeichen des Interesses und der Wertschätzung brauchen Beschäftigte jenseits der Sachebene, um motiviert und effizient arbeiten zu können. „Ich empfehle Arbeitgeber*innen einen Fahrplan für ihre Mitarbeiter*innen aufzustellen, in dem Videomeetings pro Tag beschränkt werden. Außerdem sollten in Unternehmen unbedingt Corona-Beauftragte etabliert werden“, rät Steffes-Holländer. Wichtig und vorbeugend ist es auch, dass Arbeitnehmer*innen ihre Arbeitszeiten einhalten, also keine Dienstmails außerhalb der Arbeitszeit lesen, und wo möglich, ihre Mittagspause draußen, oder zumindest abseits ihres Bildschirms verbringen.

Quellen:

7 Tipps, um im Homeoffice entspannt zu bleiben

Kurze Entspannungsübungen in den Arbeitsalltag einbauen, wie z. B. autogenes Training, Meditation, Atemübungen, Yoga

  • Gesunde Ernährung auch im Homeoffice
  • Virtuelle Kaffeepausen mit Kolleg*innen
  • Zweiten Bildschirm und externe Tastatur mit Maus für den Laptop sowie einen möglichst ergonomischen Arbeitsplatz
  • Kurze Radtour/Spaziergang an der frischen Luft in der Mittagspause
  • 40-15-5 Regel: 40 Minuten sitzen, 15 Minuten stehen, 5 Minuten bewegen
  • Routinen schaffen, also den Tag genauso organisieren, als wenn man im Büro wäre

Weitere Blogbeiträge

Psychische Langzeitfolgen durch Corona

Für unser neues Corona-Burnout-Journal haben wir mit Dr. Hans-Peter Selmaier, Chefarzt der Parkklinik Heiligenfeld, ein Interview über die psychischen Langzeitfolgen der Corona-Pandemie geführt. Unter welchen

Weiterlesen »
Alle Blogbeiträge
Sie finden diesen Beitrag interessant? Dann teilen Sie ihn gerne.

Unsere Kliniken | Krankheitsbilder | Therapiekonzept

Unsere Kliniken

Zu den Heiligenfeld Kliniken gehören 7 Kliniken an 5 Standorten.

Krankheitsbilder

Wir behandeln psychosomatische und somatische Krankheiten.

Therapiekonzept

In unseren Kliniken finden Sie ein "Zuhause auf Zeit".

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.