Persönlichkeitsstörungen

Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung geht oftmals mit einer starken Verunsicherung bei den Betroffenen einher, begleitet mitunter auch von der Vorstellung, unheilbar krank zu sein oder schlimmstenfalls sogar als „Psychopath“ zu gelten. Psychischen Erkrankungen als solchen haftet noch immer ein ausgeprägtes Erleben von Scham, eigener Schuld und Unzulänglichkeit an, und für Persönlichkeitsstörungen gilt dies unter Umständen nochmals in besonderem Maße.

Wann genau spricht man von einer Persönlichkeitsstörung?

Die Persönlichkeit eines Menschen bestimmt sein individuelles Denken, Fühlen, Erleben und Verhalten, in Beziehungen sowie insgesamt in der Interaktion mit seiner Umwelt. Dies erfordert auch ein gewisses Maß an Flexibilität und Anpassungsvermögen an unterschiedlichste Konstellationen im Außen – Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung jedoch fehlt ebendiese Fähigkeit. Stattdessen neigen sie dazu, stets in einer bestimmten Art und Weise zu reagieren, zu denken und zu fühlen, und sorgen damit häufig für Irritationen in ihrem Umfeld, was langfristig sowohl bei den Betroffenen als auch bei ihren Mitmenschen ausgeprägtes Leid verursachen kann.

Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung erleben ihre typischen Denk-, Erlebens- und Verhaltensmuster zunächst nicht als auffällig oder gar krankhaft, finden sich jedoch fortwährend in zwischenmenschlichen Interaktionen wieder, die misslingen, bei denen sich die Partner abwenden oder insgesamt das soziale Umfeld auf Abstand geht. Unter diesen Folgen leiden auch sie, was mitunter einen Anlass darstellt, die Gründe hierfür zu hinterfragen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Etwa 10 % der deutschen Allgemeinbevölkerung leiden an einer Persönlichkeitsstörung, wobei Frauen und Männer insgesamt gleich häufig betroffen sind. Bei den spezifischen Formen finden sich jedoch Unterschiede.

Persönlichkeitsstörungen galten lange als schwer behandelbar. Es existieren mittlerweile jedoch für viele Formen spezifische Therapiekonzepte, und insbesondere durch ein multimodales Behandlungsangebot, welches sowohl verhaltenstherapeutische als auch tiefenpsychologische und erlebnisorientierte Elemente verbindet, können deutliche Erfolge erzielt werden.

Die Internationale Klassifikation psychischer Erkrankungen (ICD-10, Kapitel V, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation), unterscheidet zehn spezifische Formen von Persönlichkeitsstörungen. Diese erfüllen einerseits die allgemeinen Kriterien für das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung und sind andererseits durch charakteristische Denk- und Verhaltensmuster gekennzeichnet.

  • Zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Die Hauptkennzeichen sind ein übertriebenes Bedürfnis nach Ordnung, die strenge Beachtung von Regeln und Normen, das Streben nach Perfektionismus und ständiger Kontrolle. Pedanterie und das Zurückstellen genussvoller Aktivitäten hinter einem „Ich muss!“ sind häufig zu beobachten.

 

  • Histrionische Persönlichkeitsstörung: Es findet sich eine übertriebene Emotionalität, begleitet von theatralischem Verhalten und dem ständigen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Gleichzeitig sind Betroffene leicht kränkbar und reagieren übertrieben sensibel.

 

  • Emotional instabile Persönlichkeitsstörung: Im Vordergrund steht eine massive Störung der Affektregulation und der Impulskontrolle. Es findet sich eine rasche Erregbarkeit, oftmals ein „Chaos“ widerstreitender Gefühle und extreme Anspannungszustände, denen Betroffene oftmals durch schädliche Verhaltensweisen begegnen – z B. Selbstverletzung, süchtiges Verhalten oder das Aufsuchen von Extremerfahrungen. Man unterscheidet zwischen einem impulsiven und einem Borderline-Typ.

 

  • Dissoziale Persönlichkeitsstörung: Als Hauptsymptome finden sich verantwortungsloses und antisoziales Verhalten, fehlende Empathiefähigkeit sowie eine geringe Frustrationstoleranz mit der Neigung zur Gewalt. Angstempfinden und Schuldbewusstsein sind deutlich eingeschränkt.

 

  • Schizotype Persönlichkeitsstörung: Diese Form der Persönlichkeitsstörungen lässt Ähnlichkeiten zu Symptomen der Schizophrenie und anderen psychotischen Störungen erkennen – abnormes, teilweise exzentrisches Verhalten, merkwürdiges Denken sowie häufig auch paranoide Ideen, die zu deutlichen Rückzugstendenzen und sozialer Ängstlichkeit führen können.

 

  • Schizoide Persönlichkeitsstörung: Im Vordergrund steht eine ausgeprägte Distanziertheit in zwischenmenschlichen Beziehungen, die Neigung zum Rückzug und zum Einzelgängertum. Das emotionale Ausdrucksvermögen ist vermindert.

 

  • Paranoide Persönlichkeitsstörung: Betroffene zeigen ausgeprägtes Misstrauen gegenüber anderen Menschen, deren Handlungen sie argwöhnisch als gegen sich gerichtet missdeuten, reagieren übertrieben empfindlich auf Zurücksetzung und beharren rigide auf ihrem eigenen Recht. Sie neigen zur Streitsucht und Selbstbezogenheit.

 

  • Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung: Im Vordergrund stehen anhaltende Besorgtheit und Anspannung, ein Gefühl der Minderwertigkeit bei gleichzeitiger starker Sehnsucht nach Anerkennung, eine massive Angst vor Zurückweisung und deutlich erhöhte Empfindsamkeit gegenüber Kritik.

 

  • Abhängige Persönlichkeitsstörung: Betroffene erleben sich selbst als unfähig und inkompetent, brauchen stets Unterstützung und überlassen Entscheidungen und Verantwortungen anderen Menschen in ihrem Umfeld. Ausgeprägt ist die Angst vor dem Verlassenwerden; darüber neigen Betroffene allzu leicht dazu, eigene Bedürfnisse und Wünsche zurückzustellen.

 

  • Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Hier dominiert ein Erleben von Großartigkeit und eigener Bedeutsamkeit, das auch von anderen erwartet wird. Betroffene trachten nach Bewunderung und nach einer Vorzugsbehandlung verglichen mit anderen, die sie häufig für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren und ausbeuten. Das Selbstwertgefühl ist dabei häufig fragil, Betroffene sind leicht kränkbar und beschämt.

Persönlichkeitsstörungen verstehen wir als Beziehungsstörungen. Die starren Denk-, Erlebens- und Verhaltensmuster, die den Betroffenen im „Hier und Heute“ interaktionelle Schwierigkeiten bereiten, haben ihren Ursprung oftmals bereits in der Kindheit oder Jugend. Wichtig ist dabei der Umstand, dass ebendiese Denk- und Verhaltensweisen zur damaligen Zeit höchstwahrscheinlich eine Anpassungsleistung an extrem herausfordernde oder bedrohliche Lebensumstände darstellten.

Psychodynamische, interaktionelle und lerntheoretische Konzepte zur Entstehung von Persönlichkeitsstörungen betonen unterschiedliche Aspekte und folgen ihren jeweiligen Paradigmen. Mehr und mehr setzen sich daneben integrative Sichtweisen durch, in denen die Entwicklung der Persönlichkeit eines Menschen und Störungen hierin als Resultat eines multifaktoriellen Gefüges betrachtet werden: Psychologische, biologische und soziale Aspekte wirken zusammen.

In der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen spielt die therapeutische Beziehung eine zentrale Rolle. Betroffene kommen mit Interaktionsschwierigkeiten und einer Vielzahl frustrierender Beziehungserfahrungen in die Therapie, und – wie bereits oben erwähnt – besteht häufig die Erwartung von „Unheilbarkeit“ und schwerwiegenden Pathologien. Betroffene nehmen professionelle Hilfe oftmals auch weniger aus eigenem Antrieb in Anspruch, sondern vielmehr auf Drängen wichtiger Bezugspersonen oder aufgrund einer wachsenden Ratlosigkeit über immer wiederkehrende Probleme in verschiedenen sozialen Kontexten.

Fehlendes Problembewusstsein auf Seiten der Betroffenen erschwert den Veränderungsprozess – und gleichzeitig geht es in der Therapie auch darum, das Verhalten und Erleben als frühe Anpassungsleistung wertzuschätzen und keinesfalls pauschal als etwas „Krankhaftes“ oder „Störendes“ abzustempeln. Es braucht den Blick in die Vergangenheit genauso wie den Fokus auf dem „Hier und Heute“. Psychoedukative Therapieelemente fördern das Verständnis sowohl für den Ursprung als auch für die heutigen interaktionellen Schwierigkeiten des Verhaltens. Ein integratives Behandlungsangebot betont gleichzeitig die Ressourcen der Betroffenen, eröffnet neue Handlungsräume und lässt Möglichkeiten der Veränderung entstehen.

In unseren Kliniken bieten wir Menschen mit Persönlichkeitsstörungen einen idealen Rahmen zur Reflexion und Veränderung. Es geht vor allem darum, neue Fähigkeiten zu entwickeln, mit denen zwischenmenschliche Bedürfnisse funktionaler mitgeteilt und befriedigt werden können. In der therapeutischen Gemeinschaft als Herzstück unseres Behandlungskonzepts bieten wir Betroffenen die Möglichkeit, in der Interaktion mit anderen ihren Handlungsspielraum zu erweitern – behutsam begleitet, in einer vertrauensvollen Atmosphäre.

Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erleben sich oft an einer Grenze: Charakteristisch ist eine rasche und heftige emotionale Reaktion, die für den Betroffenen kaum zu steuern ist. Die Emotionen überrollen ihn, können abrupt wechseln und ein “Gefühls-Chaos” erzeugen. Geringe Auslöser reichen aus, die Emotionen “hochschießen” zu lassen. Patient*innen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung wechseln mitunter innerhalb weniger Augenblicke von einem Zustand der Gelassenheit in heftige Erregung, die sich oft auch selbstaggressiv auswirkt: Betroffene neigen verstärkt zu selbstverletzendem Verhalten (“Ritzen”). Hierdurch versuchen sie, die teils als unerträglich erlebten Spannungszustände zu lindern.

Die “emotional instabile Persönlichkeitsstörung“, wie Borderline auch genannt wird, ist relativ häufig anzutreffen. Drei Prozent der Allgemeinbevölkerung sind hiervon betroffen. Im ambulanten Therapie-Setting weist jede*r zehnte Patient*in eine Borderline-Symptomatik auf, im stationären Rahmen 15 bis 20 Prozent. Es handelt sich um eine schwere psychische Erkrankung, die für den Betroffenen mit einem hohen Leidensdruck und erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität einhergeht. Die Suizidrate ist im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht – sie liegt bei fünf bis acht Prozent. Frauen und Männer sind – entgegen früheren Annahmen – gleich häufig betroffen. Trotz der Schwere des Störungsbildes haben sich therapeutische Maßnahmen als sehr wirkungsvoll erwiesen. Psychotherapie ist das Mittel der Wahl, mit dem Ergebnis einer langfristigen Besserung der Beschwerden bei bis zu 50 Prozent aller Behandelten.

Gerade für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitszügen ist das Erleben klarer, verlässlicher und nachvollziehbarer Beziehungen ungemein wichtig. Nur hierdurch gelingt es ihnen, wieder Vertrauen in andere Menschen und letztlich in das Leben selbst zurückzugewinnen. Ein Schwerpunkt der Behandlung in den Heiligenfeld Kliniken liegt daher auf der Unterstützung heilsamer Beziehungen, zwischen Patient*in und Therapeut*innen sowie in der Patientengemeinschaft.

Eine Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist in den Heiligenfeld Kliniken möglich bei:

  • Instabilität im ambulanten Setting (wenn ambulante Therapiemaßnahmen zur Stabilisierung nicht ausreichen)
  • Phasen mit erhöhtem Selbstverletzungsdruck (keine tatsächlich erhöhte Selbstverletzung!) und Suizidalität (bei gegebener Absprache- und Bündnisfähigkeit)
  • Komorbidität, z. B. posttraumatische Belastungsstörung, Depression, Ängste, Essstörungen, Suchtverhalten (sofern bei Alkohol- und Drogenabhängigkeit Abstinenzfähigkeit gegeben ist)
  • krisenhaften Einbrüchen nach einschneidenden Lebensereignissen (z. B. Trennung, Tod, Verlust des Arbeitsplatzes etc.)
  • wiederholt eskalierenden Konflikten in der Familie, Partnerschaft oder am Arbeitsplatz

Ausschlusskriterien für eine (direkte) Behandlung in unseren Kliniken sind:

  • bestehende Fremd- oder Selbstgefährdung, welche die Unterbringung in einer geschützt-psychiatrischen Einrichtung erforderlich macht
  • selbstverletzendes Verhalten mit der Erfordernis einer medizinisch-chirurgischen Versorgung
  • das Vorliegen einer akuten Psychose (schizophrene oder manisch-depressive Psychose)
  • eine primäre Suchterkrankung, bei der zunächst eine körperliche Entgiftung vom Suchtmittel nötig ist oder bei der die Behandlung in einer spezialisierten Facheinrichtung angezeigt ist
  • in der Regel das Vorliegen einer primär organischen Erkrankung, durch welche die vorhandenen psychischen Symptome verursacht werden (Einzelfallentscheidung)
  • in der Regel, wenn eine geistige Behinderung im Vordergrund steht (Einzelfallentscheidung)
  • bei stark eingeschränkter Geh- oder Bewegungsfähigkeit (z. B. durch Körperbehinderung, massives Übergewicht, extreme körperliche Schwäche) und der Erfordernis pflegerischer Unterstützung

Wir verstehen Borderline in erster Linie als eine Beziehungs- bzw. Bindungsstörung. Entsprechend zielt unser therapeutisches Angebot darauf, innerhalb eines vertrauensvollen und haltgebenden Umfelds korrigierende Beziehungserfahrungen zu ermöglichen.

Die Therapie in den Heiligenfeld Kliniken beinhaltet:

  • strukturbildende und stabilisierende Elemente und Angebote
  • ressourcenaktivierende Methoden in Bewegungs-, Musik- und kreativer Therapie
  • unterschiedliche Zugangsweisen zum Erleben durch körperbezogene Therapien, gestalterische Medien, Musik, Entspannung oder Imagination, Aggressionsarbeit, Therapeutisches Reiten, Rhythmustherapie
  • themenbezogene Gruppe über Tod und Sterblichkeit
  • Förderung von lebenspraktischen Kompetenzen durch Lebensführung, Beziehung und Kommunikation
  • funktionell wirksame Therapien wie Physikalische Therapie, Sport und Gymnastik, Entspannungsverfahren
  • nährende und unterstützende Therapien, wie die Wassertherapie, meditative und imaginative Methoden

Die Behandlungsziele werden zusammen mit dem*der Bezugstherapeut*in festgelegt. Hierzu können zählen:

  • Einsicht in die Erkrankung und ihrer Schwere; Einsicht in biographische Zusammenhänge
  • Entwicklung von Kontakt-/Beziehungsfähigkeit sowie die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse
  • Kontrolle und Begrenzung von zerstörerischen und selbstzerstörerischen Impulsen, Verhaltensweisen und Suchtverhalten
  • Entwicklung des Kontakts zum inneren Selbst
  • Entwicklung der Fähigkeit zur Selbststeuerung unterschiedlicher innerer Zustände; Entwicklung eines angemessenen Körperbildes, eines positiven Selbstgefühls, der Selbstannahme, der Selbstverantwortung und damit von einem realistischen, differenzierten und stabilen Selbstbild
  • Einsicht in eigene Schwächen und Stärken; Entwicklung von Alltagsfertigkeiten; Entwicklung einer beruflichen Zukunftsperspektive und differenzierte Beurteilung der beruflichen Leistungsfähigkeit

Nachfolgend finden Sie den Prospekt zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen in den Heiligenfeld Kliniken.

Flyer Persönlichkeitsstörungen

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