Hochsensibilität: Interview mit einer Patientin

„Ich kann den Menschen in die Seele schauen“, sagt Andrea, die als Patientin in der Parkklinik Heiligenfeld war. Sie ist 56 Jahre alt, Pfarrerin in einer Kirchengemeinde, verheiratet und hat drei erwachsene Kinder  – zwei Söhne und eine Tochter. Andrea zählt zu den hochsensiblen Menschen. In diesem Interview gibt sie Einblicke in die Welt aus ihren Augen. 

Sie besitzen das außergewöhnliche Persönlichkeitsmerkmal Hochsensibilität. Wie fühlt sich das für Sie an?

Ich kann den Menschen „in die Seele schauen“. Ich spüre die Emotionen meines Gegenübers, ich kann manches sehen, was für mein Gegenüber selbst noch nicht klar ist oder was sich derjenige noch nicht eingestehen kann. Ich spüre auch die Emotionen im Raum und manchmal ist das zu viel für mich. Ich bin durchaus in der Lage, auch große Räume, z. B. bei Gottesdiensten und Beerdigungen, im therapeutischen Sinne zu halten. Ich kann mich in die Geschichten der Menschen einfühlen. Manchmal sehe ich ihre Geschichten ganz bildlich vor Augen.

Das Erstaunliche ist, dass meine Intuition und mein Bauchgefühl auch bei Menschen, mit denen ich verbunden bin, über Entfernung funktionieren kann. Ich weiß dann manchmal, wenn es ihnen nicht gut geht. Diese Fähigkeit hat mich immer wieder erschreckt. Das Wissen kommt plötzlich auf mich zu. Es wird oft ausgelöst durch ein Musikerleben. Ich erfasse viele Situationen intuitiv mit großem Weitblick. Für meinen Beruf, der für mich auch Berufung ist, ist das zugleich ein großes Geschenk und eine Herausforderung.

Wie haben Sie ihre Hochsensibilität bemerkt?

Das ist mir erst in meinen Fünfzigern deutlich geworden. Ich habe diese Fähigkeiten lange als völlig normal erlebt, habe sie im beruflichen und auch im familiären Kontext gut genutzt. Erst meine Ärztin hat mich auf diese Spur gebracht. Es hat aber lange gebraucht, bis ich das auch als besondere Gabe annehmen konnte. Als sie dann nach einem langen dienstlichen Konflikt eine stationäre Therapie für nötig hielt und mir die Heiligenfeld Kliniken mit Hinweis auf das Programm für kirchliche MitarbeiterInnen empfohlen hat, hat mich das Programm für Hochsensibilität auf der Homepage überzeugt. Ich war mir schnell sicher, dass mir dieses Programm weiterhelfen wird.

Hier in Heiligenfeld hat mir eine Therapeutin ein Buch zu Hochsensibilität und Hochsensitivität empfohlen, das auch Tests enthält. Diese ergaben ein deutliches „Ja“ für Hochsensibilität und ein noch deutlicheres „Ja“ für die Hochsensitivität. Auch ein Gespräch mit einer der Therapeutinnen für die Hochsensibilität gab mir weitere Sicherheit. Sie riet mir, meine Fragen in die Hochsensibilitätsgruppe einzubringen. So wurde ich langsam sicherer in der Einschätzung, mich der Hochsensibilität zuzuordnen.

Auf welche Schwierigkeiten stoßen sie im Alltag, z. B.: im Beruf oder in Beziehungen?

Ich erlebe in meinem Beruf manchmal eine Häufung von „schweren Geschichten“. Wenn ich dann meinem Bedürfnis nach Ruhe nicht nachkomme, kann ich in eine Überforderung geraten, die sich dann z. B. in starken Kopfschmerzen äußert. Mir ist auch klar, dass ich Beerdigungen und Sterbebegleitungen nur machen kann, wenn ich auch andere Dinge wie Gottesdienste in der Kita und Taufen und Trauungen zum Ausgleich habe. Wie wichtig es ist, meine Grenzen und Bedürfnisse zu achten und einzufordern, ist mir erst hier in Heiligenfeld klar geworden. Ich neige tatsächlich dazu, zu sehr im Außen und zu wenig bei mir zu sein.

In Beziehungen habe ich manchmal das Gefühl, dass ich anderen zu viel bin und sie meine Intensität nicht aushalten können. Vor meinem Aufenthalt hier bin ich dann immer in den Rückzug gegangen. Hier habe ich gelernt, dass ich meine Hochsensitivität in die Beziehung einbringen darf.

Haben sie manchmal das Gefühl, damit nicht ernstgenommen zu werden?

Ich habe immer wieder das Gefühl, dass ich in eine falsche Schublade gesteckt werde. Ich habe hier verstanden, dass ich ganz bei mir selbst sein muss, meine Grenzen und Bedürfnisse ernst nehmen muss und auch meine Wut als Triebkraft in gesunder Weise nutzen muss, um für mein Gegenüber wirklich klar zu sein. Das ist mir in der Vergangenheit öfter nicht gelungen. So ist meine Not immer wieder nicht deutlich geworden und konnte nicht wahrgenommen werden. Das hat aber nicht nur mit meiner Hochsensibilität, sondern auch mit anderen Gegebenheiten in meiner Kindheit zu tun. Nicht alle Herausforderungen sind durch Hochsensibilität erklärbar, manchmal summiert sie sich noch auf diese anderen Dinge auf.

Wie haben sie sich in den Heiligenfeld Kliniken aufgenommen gefühlt?

Ich habe mich in den Heiligenfeld Kliniken sofort gut aufgenommen gefühlt. Und ich möchte betonen, nicht nur im Bezug auf das Thema Hochsensibilität. Vielleicht sind die Begriffe, die wir für alles finden müssen, wirklich nicht so wichtig, wie eine Therapeutin bemerkte. Ich bin immer wieder gesehen und besonders auch in meiner Not gehört worden. Ich bin immer wieder in herausfordernder und fürsorglicher Art hinterfragt worden, oft in guter Tradition der sokratischen Fragen.  Es ist mir ermöglicht worden, Hilfe anzunehmen, meine Grenzen und Bedürfnisse zu sehen und zu zeigen, mit meinen Themen nicht allein zu bleiben und so langsam wieder meinen Gefühlen Ausdruck geben zu können und meiner Intuition wieder zu trauen. Hier im Haus angenommen zu sein mit allen Anteilen und auch mit allen Fehlern, ist eine sehr wohltuende Erfahrung und entspricht meinem christlichen Grundverständnis. Immer wieder sind mir hier von Menschen der unterschiedlichen Arbeitsbereiche korrigierende Erfahrungen ermöglicht worden.

Haben Sie an den Hochsensibilitäts-Modulen teilgenommen und wie fanden Sie diese?

Ich habe nicht ganz von Anfang meines Aufenthaltes an den Hochsensibilitäts-Modulen teilgenommen, musste mir auch erst selbst gewisser werden, dass ich mich zu dieser Gruppe zugehörig fühle. Dann sind mir in der Hochsensibilitätsgruppe viele Dinge klar geworden, sowohl durch die kognitiven Erklärungen als auch durch die Körperübungen. Es war gut, hier auf „Gleiche“ zu stoßen. Und doch wurde auch klar, wie viel unterschiedliche Ausprägungen es auch hier gibt, dass jeder seine Bereiche der Hochsensibilität hat, die nicht unbedingt mit den Bedürfnissen der Anderen in Passung stehen.

Mir ist es wichtig, die Hochsensibilität nicht als eine Erklärung für alle Probleme zu sehen. Wichtig war mir auch die tiefenpsychologische Arbeit, die mir viele Muster aus meiner Kindheit erklärt hat. Manches sieht auf den ersten Blick so aus, als gründete es in der Hochsensitivität, ist aber viel eher zu erklären durch Muster der Kindheit, die ich in der therapeutischen Arbeit begonnen habe zu überwinden. Mir ist wichtig, um die Eigenarten, die die Hochsensibilität mit sich bringt, nun besser zu wissen, und sie dann in guter Weise in mein Leben zu integrieren. Auch das war Thema in der Gruppe.

Inwieweit haben Sie von der Gruppentherapie profitiert?

Ich habe sehr von der Gruppentherapie profitiert, sowohl in der Kerngruppe als auch in der Hochsensibilitäts-Gruppe. Es sind aus vielen Gruppen gute Kontakte entstanden. Es war unendlich wichtig, hier auf Menschen zu treffen, für die meine Fähigkeiten der Empathie ganz gewöhnlich sind.

Haben Sie Anregungen, um unser Therapie-Angebot zu verbessern und weiterzuentwickeln?

Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass weiter die Vielfalt der Hochsensibilität ihren Raum hat in der Hochsensibilitäts-Gruppe. Und dass Hochsensibilität ein Persönlichkeitsmerkmal unter anderen ist. Die Integration dieser Fähigkeiten in das „normale“ Leben halte ich für ganz wichtig.

Was können Sie aus Ihrem Aufenthalt für den Umgang mit Ihrer Hochsensibilität mitnehmen?

Ich habe hier gelernt, auf meine Bedürfnisse und Gefühle zu achten und Grenzen zu setzen. Das Instrumentarium der Selbststeuerung bietet eine gute Hilfe, mit Belastungen umzugehen. Mir ist deutlich geworden, dass ich mit der Hochsensibilität nicht allein bin.

Mir hilft zuhause auch ein Text meiner behandelnden Ärztin, der mir vieles erklärt hat:

Warum Sie?
Weil Sie es sehen.
Weil Sie es hören.
Weil Sie es verstehen.
Weil Sie in Resonanz gehen.
Weil Sie da sind.
Weil Sie es kennen.
Weil Sie es können.
Weil Sie es spüren.
Weil es Ihre Gabe ist.
Weil Sie authentisch sind.
Weil Sie eben Sie sind.

Wichtiger Hinweis: Aktuell stehen die Module der Hochsensibilität nur in der Parkklinik Heiligenfeld für unsere Patient*innen zur Verfügung. 

Andrea

Andrea

Andrea war Patientin in der Parkklinik Heiligenfeld. Im Interview erzählt sie aus ihren Erfahrungen ihres Klinikaufenthalts.

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2 Antworten

  1. Vielen Dank für das wirklich schöne und anschauliche Interview! Solche Erfahrungsberichte sind für mich Gold wert. Vor allem, fühlt man sich nicht so alleine mit seiner “Gabe”. Ich gehöre selbst zu den “Sensibelchen” – wie ich gerne in meinem Umfeld genannt werde. Der Umgang damit ist nicht immer einfach. Wenn man aber erst mal verstanden hat, für was die Hochsensibilität gut sein kann und wie man sich selbst steuern kann, ist es leichter, damit zu leben. Ich habe lange dafür gebraucht. Schön finde ich, dass Ihre Klinik sich diesem Thema angenommen hat. Denn ich glaube, es betrifft mehr Menschen, als man meint.

    Viele Grüße
    S. V.

  2. Liebe Sarah,
    vielen Dank für Ihren Kommentar! Es freut mich sehr, dass Sie für sich eine Möglichkeit gefunden haben, das Persönlichkeitsmerkmal der Hochsensibilität in Ihr Leben positiv zu integrieren. Wie unser Chefarzt Hans-Peter Selmaier in einem früheren Beitrag gesagt hat: Fluch und Segen zugleich :-). Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft und sende liebe Grüße
    Kathrin Schmitt

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