Kreativtherapie in der Behandlung von Menschen mit Hochsensibilität

Die Kreativtherapie ist in den Heiligenfeld Kliniken ein wesentlicher Bestandteil des Therapiekonzepts bei Menschen mit Hochsensibilität und psychischen Erkrankungen. Aus diesem Grund habe ich mich einmal mit unserem Leiter der Kreativtherapie, Frank Rihm darüber unterhalten, was Kreativtherapie genau ist und wie sie bei Hochsensibilität eingesetzt wird.

René Greiner:

Heute sprechen wir mit Frank Rihm, dem Leiter der Kreativtherapie aller Heiligenfeld Kliniken zum Thema Kreativtherapie in Verbindung mit Hochsensibilität. Frank, du bist seit über 25 Jahren in den Heiligenfeld Kliniken tätig. Kannst du uns erklären, was genau Kreativtherapie ist?

Frank Rihm:

In der Kreativtherapie unserer Kliniken geht es im Grunde immer um individuelle Erfahrungen unserer Patienten. In der Gruppenpsychotherapie reflektieren sie ihr Erleben, analysieren sich selbst und ihr Verhalten und lernen, sich selbst besser zu verstehen. Da man damit aber nicht alle Patientinnen und Patienten in der Tiefe erreicht, haben wir ein vielfältiges Programm zusammengestellt, das aus den unterschiedlichsten Methoden und Psychotherapieverfahren besteht. Dabei integrieren wir Körpertherapie, Rhythmustherapie und Kunsttherapie sowie seit einigen Jahren auch die Naturtherapie. Damit können wir unseren Patient*innen vertiefte Erfahrungen ermöglichen, die einen Bewusstseinsprozess anstoßen können, um aus der Erfahrung heraus zu verstehen, wie sie in ihrer Lebensgeschichte so geworden sind wie sie sind, welche Arten und Weisen des Erlebens sie haben, wie sie sich selbst und die Umwelt erleben und in der Welt agieren. Die Biografie formt uns und unsere Verhaltensweisen und manchmal kommen wir besser hinter die Ursachen und unsere Gefühle, wenn wir uns kreativ damit beschäftigen.

Der zweite Aspekt ist, dass wir möchten, dass unsere Patient*innen neue Erfahrungen machen. Sich selbst zu verstehen ist wichtig, aber durch die Erfahrung vertieft man dieses Verstehen. Neue Erfahrungen zu machen, erfordert viel Mut, die gewohnten Bahnen zu verlassen und sich einzulassen. Es erfordert Vertrauen. Brechen wir aber aus unseren alten Mustern aus und lassen uns auf etwas Neues ein, können wir unseren Erfahrungsraum erweitern und wieder einen Zugang zu uns und vielleicht verschollen geglaubten oder noch gar nicht entdeckten Ressourcen finden. Immer wieder erleben wir in der Kreativtherapie, dass Menschen die Kunst (wieder) für sich entdecken, oder das Tanzen oder die Natur. All diese Ressourcen stärken uns und machen uns resilient gegen Belastungen

René Greiner:

Du hast gerade die Gruppentherapie angesprochen als eines der wesentlichen Elemente bei uns. In der Parkklinik Heiligenfeld und in der Heiligenfeld Klinik Uffenheim gibt es ja auch kreativtherapeutische Angebote für Menschen mit Hochsensibilität. Kannst du uns dazu etwas erzählen?  

Frank Rihm:

In den Therapien für Menschen mit dem Persönlichkeitsmerkmal Hochsensibilität geht es ganz oft um das Thema Selbststeuerung von Gefühlen und der erhöhten Sensibilität und Sensitivität. Denn die Betroffenen sind auf der einen Seite sehr sensibel und offen für tiefe Erfahrungen, aber auf der anderen Seite haben sie häufig ein Steuerungsproblem ihrer Gefühle. Es reichen manchmal ganz kleine Anlässe, um ganz tiefe Emotionen auszulösen. Dann ist die Frage, wie kann ich diese Emotionen steuern oder bin ich so im Bewusstsein dieser Gefühle eingenommen, dass ich nicht mehr steuerungsfähig bin. Ein Beispiel dafür ist das Mitgefühl. Hochsensible Menschen spüren oft die Last und die Schmerzen der Welt auf ihren Schultern. Gerade bei Angehörigen oder Freunden kann das dazu führen, dass es auch dem Menschen mit Hochsensibilität schlecht geht, weil die nötige Abgrenzungsfähigkeit fehlt. Sie verlieren sich in diesem tiefen Erleben des Anderen und leiden extrem mit. Hier geht es darum, ein gesundes Maß zu entwickeln und ein Mitgefühl vom Mitleiden zu unterscheiden. Oft ist es ganz wichtig, dass sie sich erstmal selbst verstehen, und wissen, warum sie so geworden sind.

René Greiner:

Viele fühlen sich damit ja auch falsch, oder nicht zugehörig und suchen den Fehler bei sich und haben das Gefühl, sie müssten sich irgendwie anpassen und schaffen es nicht. Auch das führt zu Spannungen.

Frank Rihm:

Ja, ganz genau. Spannungen und Stress entstehen, die Menschen fühlen sich als wären sie nicht richtig oder zugehörig zur Welt. Das sind alles ganz entscheidende Themen. Deshalb ist es auch gut, dass wir für Menschen mit Hochsensibilität eigene Gruppen anbieten. Denn die Wirkfaktoren in der Gruppentherapie sprechen von der Universalität des Leidens, also dem Gefühl, nicht alleine mit diesem Problem zu sein. Das ist aus unserer Erfahrung heraus auch ein wichtiger Faktor, um das Thema Selbstwert und Identität unter die Lupe zu nehmen und vielleicht neue Erfahrungen zu machen. Letztendlich geht es ja auch darum, dass diese Menschen diese hohe Sensibilität, die auf der einen Seite ein Fluch ist, aber auf der anderen Seite auch ein Segen, dass sie sie in ihre Identität und das Gefühl und das Wissen, wer sie sind, integrieren können. Die Betroffenen lernen zu verstehen, dass sie ihre Sensibilität annehmen und dass sie zu ihrer Persönlichkeit dazugehört und nicht immer nur Probleme macht. Alleine dieser Frieden mit sich selbst senkt das Stressniveau erheblich.

René Greiner:

Gibt es noch etwas, was in der Therapie für Menschen mit Hochsensibilität wichtig ist?

Frank Rihm:

Ja, wir haben darüber hinaus das Thema Spiritualität integriert, da Menschen mit Hochsensibilität aufgrund ihrer hohen Sensibilität und Offenheit auch für das offen sind, was uns als Menschen überschreitet. Wir haben in Heiligenfeld ja sowieso eine große Tradition, Spirituelles, Transpersonales, also das was über mich als normale Person hinausgeht, in die Therapie zu integrieren, wenn man das möchte. Das war am Anfang in der Hochsensibilität erstmal gar nicht so geplant. Wir haben aber entdeckt, dass das doch ein wichtiger Faktor ist, weil die Patient*innen natürlich dann auch Erfahrungen machen, die sie oft nicht einordnen können und die dann wieder in der Identität zu Problemen führen. Auf der anderen Seite haben wir festgestellt, wenn wir es tun, kann es sehr leicht zu einer Ressource werden. Die Frage ist, ist es ein Problem, erzeugt es Spannung, oder können wir in der Therapie den Dreh kriegen, mit den Patient*innen, dass sie diese Sensibilität, die sie als Person überschreitet, auch als eine Ressource, als eine Kraftquelle oder als eine Bereicherung nutzen.

René Greiner:

Sind die Menschen mit Hochsensibilität denn in der Therapie nur „unter sich“?

Frank Rihm:

Nein, wir entscheiden individuell für jeden unserer Patient*innen, welche Themen bearbeitet werden sollen und welche Therapiegruppen hierfür geeignet sind. Dieses Aufeinandertreffen mit „anderen“, also nicht gleichgesinnten Patientinnen und Patienten hat auch wieder eine therapeutische Bedeutung. Unsere Welt besteht nicht nur aus Menschen mit Hochsensibilität. Sie müssen sich damit auseinandersetzen, wie sie sind, wenn sie auf andere treffen, wie reagieren andere auf mich und wie kann ich damit umgehen. Das ist der große Vorteil an den gemischten Gruppen.

René Greiner:

Ich möchte an dieser Stelle vielleicht abschließend nochmal darauf hinweisen, dass Hochsensibilität selbst keine Erkrankung ist. Die Menschen, die zu uns in die Klinik kommen, haben eine Depression, Angst, Traumatisierung etc. UND sind hochsensibel. Es geht nicht darum, die Hochsensibilität weg zu behandeln, sondern darum, sie als Bereicherung anzuerkennen, die Ressourcen zu stärken und natürlich auch die psychosomatische Erkrankung, die dabei ist, zu behandeln. Nicht alle hochsensiblen Menschen erkranken automatisch psychosomatisch. Das ist mir noch einmal wichtig, zu betonen.  

Frank Rihm:

Und das ist auch ein wichtiger Faktor. Denn auf der einen Seite ist es so, dass die Gestimmtheit dieser Menschen natürlich ihr Erleben und ihr Tun sehr beeinflusst, deswegen sehr wichtig ist und auch uns wichtig ist, es aufzugreifen, aber auf der anderen Seite ist es nicht eine Diagnose im strengen Sinne. Deshalb wird in erster Linie die Erkrankung behandelt, wie z. B. die Depression oder Angst. Es ist uns wichtig, dass im Rahmen unseres integrativen ganzheitlichen Konzepts alles miteinander so gut verwoben ist, dass es auf der einen Seite die Individualität des Menschen erfasst, aber auch das Ganze zusammenführt, denn nur so macht es auch für die Menschen in der Therapie auch einen Sinn.

René Greiner:

Vielen Dank für das Gespräch, Frank. Herzlichen Dank.

Therapie für Menschen mit Hochsensibilität

Erfahren Sie mehr über die Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit "Hochsensibilität" in den Heiligenfeld Kliniken. Angeboten werden diese in der Parkklinik Heiligenfeld und in der Heiligenfeld Klinik Uffenheim.

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Frank Rihm

Frank Rihm leitet die Kreativtherapie aller Heiligenfeld Kliniken und ist bereits seit 1996 als Therapeut in den Heiligenfeld Kliniken tätig. Als Dipl.-Musiktherapeut und TaKeTiNa-Rhythmustherapeut liegt im besonders die Rhythmustherapie am Herzen. Ausgebildet ist er in den psychotherapeutischen Verfahren Gestalttherapie und Somatic Experiencing und besitzt die EAP-Zertifizierung in Tiefenpsychologischer Psychotherapie.

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3 Antworten

  1. Guten Tag.

    ich gehöre auch zu den Hypersensiblen in unserer Gesellschaft. Wenn man sich kennt, kann man gut damit zurechtkommen. Hypersensibel sein ist ein Persönlichkeitsmerkmal aber keine Krankheit. Was ich über Ihre Klinik und deren Zielsetzung gelesen habe, haben Sie Therapien entwickelt, die das Hypersensible als eine Art Krankheit oder Fehlverhalten beseitigen wollen. Das ist ein entscheidender Fehler, denn bei Ihnen wird man zu einem Behandlungsbedürftigen gemacht. Man kann höchstens lernen, mit seiner Überempfindlichkeit umzugehen, doch das erfordert keinen Klinikaufenthalt, sondern es genügt da auch eine ambulante Verhaltenstherapie für gewisse Lebenssituationen. Die Hypersensiblen sind den weniger Sensiblen gegenüber oft im Vorteil, weil sie eben mehr checken und mehr in die Tiefe gehen können.
    Insofern halte ich den Aufwand, der an Ihrer Klinik getrieben wird, für übertrieben und überflüssig.
    Nun, jeder kann ja selbst entscheiden, für was er sein Geld ausgibt. Seine Hypersensibilität wird er bei Ihnen sicherlich nicht los.
    Ich bin froh, dass ich so bin und möchte nicht mit einem Unsensiblen tauschen!

    1. Liebe Frau Michels,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben völlig Recht, dass Hochsensibilität keine Erkrankung ist. Wie Sie sicher auch in all unseren Veröffentlichungen zur Hochsensibilität gelesen haben, weisen wir in jeder dieser Veröffentlichungen mehrfach darauf hin, dass die Hochsensibilität keine Erkrankung ist, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, das richtig eingesetzt, eine Gabe ist. Auch in diesem Artikel finden Sie mehrmals den Hinweis darauf, unter anderem in den letzten Absätzen sagt Herr Greiner Folgendes: “Ich möchte an dieser Stelle vielleicht abschließend nochmal darauf hinweisen, dass Hochsensibilität selbst keine Erkrankung ist. Die Menschen, die zu uns in die Klinik kommen, haben eine Depression, Angst, Traumatisierung etc. UND sind hochsensibel. Es geht nicht darum, die Hochsensibilität weg zu behandeln, sondern darum, sie als Bereicherung anzuerkennen, die Ressourcen zu stärken und natürlich auch die psychosomatische Erkrankung, die dabei ist, zu behandeln. Nicht alle hochsensiblen Menschen erkranken automatisch psychosomatisch. Das ist mir noch einmal wichtig, zu betonen.”

      Wir erleben in unseren Kliniken tagtäglich unsere Patientinnen und Patienten, die an einer psychosomatischen Erkrankung leiden und die sich zusätzlich dazu durch ihre Hochsensibilität belastet oder überfordert fühlen. Wir behandeln ausdrücklich keine Hochsensibilität als Indikation, sondern Menschen, mit psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen, die zudem Züge der Hochsensibilität aufweisen und diese gerne in die Behandlung integriert haben möchten. Unserer Erfahrung nach unterscheidet sich die Behandlung von Menschen mit hochsensiblen Wesenszügen in einigen Dingen von der Behandlung für Menschen, die sich selbst nicht als hochsensibel wahrnehmen. Wir weisen auch in jeder Veröffentlichung darauf hin, dass es uns ein großes Anliegen ist, unsere Patient*innen dabei zu unterstützen, die eigene Hochsensibilität als Gabe wahrzunehmen und sie nicht als Erkrankung zu betrachten. Gerne lade ich Sie dazu ein, unseren weiteren Veröffentlichungen zum Thema Hochsensibilität zu lesen oder zu hören und hoffe darauf, dass Sie dann unser Anliegen anders einordnen.

      Herzliche Grüße
      Kathrin Schmitt

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