Somatoforme Störung: Wenn die Psyche streikt

"Geh Du vor", sagte die Seele zum Körper, "auf mich hört er nicht. Vielleicht hört er auf Dich." "Ich werde krank werden, dann wird er Zeit für Dich haben", sagte der Körper zur Seele.

Ulrich Schaffer (*1942), Fotograf und Schriftsteller

Körperliche Beschwerden und Schmerzen lassen in der Regel zunächst an eine organische Ursache denken – und häufig kommt es zu Irritationen, wenn ein solcher Grund nicht gefunden werden kann. Bei den Betroffenen entsteht über kurz oder lang das Gefühl, nicht gründlich genug untersucht worden zu sein oder in den Schilderungen nicht ernstgenommen zu werden. Jedoch gilt: Körperliche Beschwerden oder Schmerzen erfordern nicht zwangsläufig eine organische Ursache. Manchmal liegt den Symptomen auch primär eine psychische Ursache zugrunde – man spricht dann von den sog. somatoformen Störungen. Untersuchungen zufolge sind zwischen sechs und elf Prozent der Allgemeinbevölkerung hiervon betroffen, und bis zu 20 Prozent aller Besuche in Arztpraxen sind auf dieses Störungsbild zurückzuführen.

Organische Abklärung nötig

Selbstverständlich ist es naheliegend, bei Bauch- oder Rückenschmerzen, bei Verdauungsbeschwerden, Sensibilitätsstörungen oder sogar dem Verlust des Seh- und Hörvermögens zuerst an eine organisch-neurologische Ursache zu denken und diese unmittelbar zu überprüfen. Sind die diagnostischen Maßnahmen jedoch ohne (ausreichenden) körperlichen Befund, entsteht zwischen Arzt*Ärztin und Patient*in häufig das oben beschriebene Spannungsfeld. Charakteristisch auf Seite des*der Ratsuchenden ist die Weigerung, die fehlende körperliche Verursachung der Beschwerden zu akzeptieren. Es resultieren Angst, Ärger und häufig auch ein mehrfacher Behandler*innenwechsel, in der Hoffnung, doch noch den fest angenommenen körperlichen Grund für die Beschwerden zu finden. Patient*innen fühlen sich oft missverstanden, in ihrer Not nicht gesehen und werden manchmal auch mit der Ratlosigkeit der Ärzt*innen konfrontiert. Oder aber es werden immer wieder organmedizinische, teilweise auch invasive Untersuchungen durchgeführt, die mit der Zeit tatsächlich zu körperlichen Folgeproblemen führen können.

Doch was sind somatoforme Störungen eigentlich?

Weshalb führen psychische Belastungen zu Symptomen, die automatisch zunächst an eine organische Verursachung denken lassen? Vereinfacht könnte man sagen: “Der Körper bringt zum Ausdruck, was die Seele belastet”.

Zwar sind Betroffene der festen Überzeugung, an einer organischen Erkrankung zu leiden und vielleicht sogar sterbenskrank zu sein; gleichzeitig jedoch liegt den mitunter sehr verschiedenartigen Symptomen häufig ein psychisches Überforderungserleben zugrunde. Passend dazu konnte gezeigt werden, dass frühere körperliche und sexuelle Missbrauchserfahrungen sowie interpersonelle Beziehungsstörungen als Risikofaktoren für somatoforme Störungen gelten. Stavros Mentzos (2009) wählt in seinem “Lehrbuch der Psychodynamik ” treffend den Begriff der “Organsprache” als “… Ausdrucksgebung des inneren Leidens bzw. der intrapsychischen Spannung…“. 

Symptome einer somatoformen Störung können sein: 

Die Symptome der somatoformen Störungen sind vielfältig und treten in den verschiedensten Organsystemen auf.

Häufig zu beobachten sind:

  • Rückenschmerzen, Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich oder in den Extremitäten
  • Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, Druck- oder Völlegefühl, Kribbeln etc.
  • Brustschmerzen, Druckgefühl auf der Brust, Atemlosigkeit
  • Mundtrockenheit
  • Schweißausbrüche, Hitzewallungen, Erröten

Die Symptome einer somatoformen Störung bestehen entweder anhaltend oder treten phasenweise auf. In allen Fällen ist das Wohlbefinden der Betroffenen extrem beeinträchtigt, Angstgefühle sowie häufig verminderte Leistungsfähigkeit sind die Folge. Es besteht mitunter ein massiver Leidensdruck, der auch noch dadurch verstärkt werden kann, dass auf der körperlichen Ebene keine angemessene Erklärung für das Ausmaß und die Intensität der Beschwerden gefunden wird. Dieser Umstand erschwert oftmals den Kontakt zum*zur Behandler*in: Patient*innen fühlen sich missverstanden oder nicht ernst genommen, während bei Ärzt*innen mitunter der Eindruck von “schwer behandelbaren” oder “simulierenden” Patient*innen entsteht.

Im weiteren Krankheitsverlauf kann es zu einer zunehmenden Fokussierung auf die Beschwerden und zu einer Einengung der Gedankenwelt und der Verhaltens der Betroffenen kommen. Der Körper wird genau “beobachtet”, Reaktionen und Empfindungen rasch als bedrohlich bewertet und oft selbst Versuche unternommen, mögliche Ursachen der Beschwerden zu ergründen, etwa durch intensive Recherche im Internet. Sonstige Aktivitäten, Sport und soziale Beziehungen treten in vielen Fällen mehr und mehr in den Hintergrund – das Leben der Betroffenen grenzt sich durch Rückzug und körperliche Schonung zunehmend ein. Diese Schonhaltung führt meistens nicht zur Besserung der Symptomatik, sondern verschlechtert das Wohlbefinden oft zusätzlich, da der Ausgleich zu den negativen und angsterfüllten Gedanken fehlt.

Behandlung von somatoformen Störungen

Die Behandlung somatoformer Störungen stellt gewisse Herausforderungen an Therapeut*innen genauso wie an Betroffene. Zentral ist vor allem die therapeutische Beziehungsgestaltung. Betroffene müssen sich mit ihren Beschwerden ernstgenommen fühlen, und der Perspektivwechsel von der rein somatischen auf eine psychosomatische Genese sollte behutsam erfolgen und keinesfalls den Eindruck erwecken, man wolle den Betroffenen etwas aufdrängen. Anschließend geht es um die schrittweise Auseinandersetzung mit den biografischen Belastungen ebenso wie um die Frage, wie auch mit teilweise andauernden Beschwerden ein guter Umgang gefunden werden kann. Ambulante Therapiemaßnahmen stoßen hier mitunter an ihre Grenzen, je nach Ausmaß und Schweregrad der Symptome, der bisherigen Krankengeschichte und der Bereitschaft der Betroffenen, eine psychische Ursache zu akzeptieren. Häufig kann in einem stationären Rahmen, mit einer intensiveren ärztlich-psychotherapeutischen Begleitung und der Kombination psychologischer und körperorientierter Verfahren der Behandlungsverlauf vielversprechender gestaltet werden. Als Klinikgruppe Heiligenfeld sind wir seit über 30 Jahren auf die Behandlung psychosomatischer Erkrankungen spezialisiert und bieten auch Patient*innen mit somatoformen Störungen einen geeigneten Therapierahmen.

Behandlung von Somatoformen Störungen in den Heiligenfeld Kliniken

In den Heiligenfeld Kliniken behandeln wir somatoforme Störungen nach einem integrativen Konzept.

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2 Antworten

  1. Hallo Herr Greiner,
    schöner Beitrag! Danke, dass das Thema mal aufgegriffen wird. Mir ging es jahrelang so, und niemand hat es erkannt. Herzstechen, Bauchschmerzen: Klar, dass man da zuerst an einen Herzinfarkt denkt. Nach vielen vielen Arztbesuchen und Rumgedoktere, war ich wirklich froh, als die Diagnose auf somatoforme Störung gestellt wurde. Es hat allerdings lange gedauert, bis ich die Angst verloren habe, todkrank zu sein. Mittlerweile kann ich gut damit umgehen.
    Interessant fände ich mal die Unterscheidung zwischen somatoformen Störungen und psychosomatischen Erkrankungen. Vielleicht können Sie das nochmal aufgreifen?
    Danke und viele Grüße
    Paul

    1. Hallo Paul,
      vielen Dank für Ihren Kommentar! Ja, somatoforme Störungen sind oft schwer zu greifen, auch, weil unser medizinisches Verständnis noch immer sehr stark organisch geprägt ist.

      Was Ihre Frage nach der Unterscheidung zwischen psychosomatischen Erkrankungen und somatoformen Störungen angeht: Der Begriff “psychosomatische Erkrankungen” umfasst alle Krankheiten, bei denen psychische, biologische und soziale Faktoren in der Entstehung und Aufrechterhaltung eine Rolle spielen. Es geht, wie die Bezeichnungen “Psyche” und “Soma” verdeutlichen, um eine Wechselwirkung zwischen “Geist” und “Körper”. Und die somatoformen Störungen gehören zu den psychosomatischen Erkrankungen. Wie Sie es auch beschreiben, sind für körperliche Beschwerden (Herzstechen, Bauchschmerzen usw.) keine organischen Auslöser nachweisbar. Stattdessen drücken sich psychische Belastungen auf der organisch-körperlichen Ebene aus.

      Ich hoffe, diese kurze Antwort hilft Ihnen weiter. Ich wünsche Ihnen alles Gute!

      René Greiner

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