Was Angehörige wissen wollen

In unserem Blogbeitrag “Selbstfürsorge von Angehörige von Menschen mit Depressionen” hat unser Chefarzt der Parkklinik Heiligenfeld, Dr. Hans-Peter Selmaier, darüber gesprochen, was man tun kann, wenn man als Angehöriger oder Angehörige eines Menschen mit psychischen Erkrankungen an die Belastungsgrenze gelangt. In unseren Kliniken werden unseren Therapeuten immer wieder auch Fragen von Angehörigen gestellt. Angela Kalina, stellvertretende Leiterin der Kreativtherapie in der Fachklinik Heiligenfeld ist unter anderem für die Sozialberatung und für die Transferarbeit verantwortlich. Das bedeutet, dass sie unsere Patient*innen bei dem Übergang von der Klinik nach Hause betreut und sie auf die Zeit außerhalb der Klinik vorbereitet. Wir haben sie auch zu dem Thema Selbstfürsorge befragt und welche Fragen Angehörige am häufigsten stellen. 

Was beeinflusst die Beziehung eines Menschen mit Depression und dessen Angehörigen besonders?

Meine Erfahrung zeigt, dass es in der Beziehung zwischen Betroffenen und Angehörigen zunächst um die Klärung von Verantwortung geht. Ich sehe das als Voraussetzung für bzw.  gleichsam als Basis eines wertschätzenden Umgangs.

Und zwar nicht in dem Sinne – „Wer ist für meine Erkrankung und damit auch für meine Heilung verantwortlich?“ sondern „Wer übernimmt Verantwortung für meine Erkrankung und wer übernimmt Verantwortung für einen konstruktiven Umgang mit meinen Symptomen?“

Die Antwort ist ganz klar: ICH SELBST.

Und wie kann man diese Basis im Miteinander aufbauen?

Diese Basis kann z. B. durch regelmäßige, offene Gespräche , die möglichst nicht zwischen Tür und Angel oder in emotional aufgeladenen Atmosphären stattfinden, aufgebaut werden.

Hier kann immer wieder ein Raum geöffnet werden, um die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu erzählen, ohne dass unterbrochen, reagiert oder gerechtfertigt wird. Unsere Patient*innen sind diese Art der Kommunikation durch unsere Dyadenarbeiten gewöhnt. Ein Austausch zu zweit, in dem jede(r) eine bestimmt Redezeit bekommt. Es geht um ICH- Botschaften, um wertfreie Beobachtungen von Situationen (Streits, Konflikte), das Spüren der eigenen Gefühle (Wut, Angst, Trauer, Wut, Freude), dem Erkennen von eigenen Bedürfnissen (Achtung, keine Forderungen, Du sollst, du musst…) und abschließend eine Formulierung der Bitte, bei der das Gegenüber immer die Wahl hat, sie zu erfüllen oder nicht.

Wie sorge ich als Angehöriger gut für mich?

Im Umgang mit depressiv Erkrankten entsteht häufig die Gefahr, dass Angehörige sich selbst vernachlässigen und Verantwortung tragen, die nicht ihre ist oder sogar Schuld auf sich nehmen.

Diese Dynamik sollte immer wieder offen angesprochen werden. Hier gilt das Gleiche: Auch ich als Angehöriger bin für meine Selbstfürsorge und deren Pflege selbst verantwortlich

Wie können konkrete Schritte aussehen?

Man kann für sich konkrete Zeitfenster festlegen und in einem Wochenplan eintragen. Das können längere Unternehmungen sein (z. B. Bewegung, Sport, Hobbies) oder auch kurze Minuten der eigenen Achtsamkeit, Meditationseinheiten, „nichts tun“, Musik hören… etc.

Es geht hier viel um Ausprobieren, Mut haben, etwas Neues oder Altbewährtes wieder in den Alltag zu integrieren (das ist natürlich genauso auch für die Betroffenen umsetzbar).

Und was mache ich mit meinem schlechten Gewissen dem Betroffenen gegenüber?

Es gehört sicherlich viel Kraft dazu als Angehöriger Lebensfreude und Aktivitäten zu leben, wenn es einem Nahestehenden schlecht geht. Vielleicht meldet sich auch der eigene Schweinehund… ich erinnere mich an viele Sätze von Angehörigen, die sagen: „Wenn mein Partner*in nicht will, dann gehe ich auch nicht“.

Bewusste Abgrenzung ohne Abwertung – das sollte ein wichtiges Ziel sein.  

Natürlich kann immer wieder das Angebot ausgesprochen werden, dass die Betroffenen an Aktivitäten mit teilnehmen.

Ich finde es auch wichtig und legitim als Angehöriger auf professionelle Hilfe zurückzugreifen. Es gibt zahlreiche Selbsthilfegruppen für Angehörige von Erkrankten (wir empfehlen für die Suche nach Gruppen z.B.  die Kontaktstelle www.nakos.de).

Ebenso dürfen sich Angehörige auch eine professionelle Begleitung für die Betroffene wünschen. Wie oben erwähnt, als Bitte formuliert. 

Was sind die 2 häufigsten Fragen, die ihr von Angehörigen gestellt bekommt?

Wahrscheinlich die Fragen:

  • Was kann ich tun, damit es meinem Partner*in endlich besser geht?
  • Wann wird es endlich besser?

Bei der ersten Frage denke ich sofort wieder an die oben beschriebene Verantwortungsklärung. Betroffene sollten so schnell wie möglich professionelle Begleitung in Anspruch nehmen um u. a. wieder Kraft zu finden Ressourcen in den Alltag zu integrieren und um eine Akzeptanz der Erkrankung zu fördern.

Die Angehörigen können konkret fragen, was als Unterstützung hilfreich wäre und sollten dann achtsam prüfen ob sie dem Wunsch entsprechen können.

Auch Einladungen zu gemeinsamen Aktivitäten können Unterstützungsmöglichkeiten sein.

Darüber hinaus finde ich es sehr heilsam, auch gemeinsam schweigend die aktuelle Not und Krise und alle Gefühle, die damit verbunden sind, bewusst einige Momente lang „zu halten“. Keine Lösungen, kein „Schön-Reden“, kein Bagatellisieren.  

Nun zur zweiten Frage:

Wann wird es endlich besser?

Die Frage nach dem „Wann?“ drückt wahrscheinlich eine sehr große Sehnsucht der Angehörigen aus. Wann wird es endlich wieder wie früher? Auch hier spielt der Aspekt des Akzeptierens eine große Rolle, denn auch in Krisenzeiten und einem scheinbaren Stagnieren finden Entwicklungen und Veränderungen statt. Natürlich kosten diese viel Kraft. Um Kraft zu tanken helfen möglicherweise die oben beschriebenen Ideen.  

Angela Kalina

Angela Kalina

Angela Kalina ist seit 2014 in den Heiligenfeld Kliniken als staatlich anerkannte Sozialpädagogin und seit 2022 als stellvertretende kreativtherapeutische Leitung tätig. Seit 2016 ist sie systemische Beraterin und aktuell in der Ausbildung zur systemischen Supervisorin. In der Fachklinik Heiligenfeld ist sie für die Sozialberatung, die Transfergruppen und die Therapieeinführung verantwortlich.

Wenn Angehörige Hilfe brauchen

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Selbsttest "Depression"

Dieser Selbsttest liefert eine erste Einschätzung darüber, ob Sie selbst oder ein Angehöriger an einer Depression leidet.

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