Expertenwissen zur seelischen Gesundheit

Bad Kissingen –  Heiligenfelder Psychotherapieabende

Über 1000 Teilnehmer bei den Heiligenfelder Psychotherapieabenden

Vier Chefärzte und eine Chefärztin der Heiligenfeld Kliniken stellten ihre Kompetenz in der Psychotherapie vom 13. Januar bis 27. Januar 2022 zur Verfügung. Im Rahmen des neuen Veranstaltungsformats der Heiligenfelder Psychotherapieabende hielten sie an fünf Tagen einen Vortrag zur seelischen Gesundheit. Die Vorträge fanden abends statt, waren kostenfrei und online. Mehr als 1000 Ärzte, Therapeuten und im Gesundheitswesen tätige folgten der Einladung der Akademie Heiligenfeld. „Wir waren selbst überrascht von der hohen Nachfrage nach dem Expertenwissen“, sagte Anita Schmitt, Leiterin der Akademie Heiligenfeld.

Hochsensibilität, Resilienz und Vergebung, ADHS, Achtsamkeit und Selbstfürsorge sowie Posttraumatisches Wachstum waren die Themen, zu denen die Chefärzte der Heiligenfeld Kliniken aus Bad Kissingen, Uffenheim und Berlin referierten.

Den Auftakt machte Dr. Hans-Peter Selmaier, Chefarzt der Parkklinik Heiligenfeld. In seinem Vortrag zeigte er das Erkennen und die wissenschaftliche Messbarkeit von Hochsensibilität auf, nannte häufige Probleme von hochsensiblen Personen, aber auch Verwechslungsmöglichen wie zum Beispiel mit Hochbegabung, Fibromyalgie und Bindungsstörungen. Was dabei in der Therapie zu beachten ist, erklärte er anhand von Fallbeispielen. „Hochsensible Personen bringen auch Ressourcen wie Intuition, Kreativität, Tiefgründigkeit in die Behandlung ein“, sagte Selmaier. Der Therapeut ist auf besonderer Weise gefordert. Er muss Ruhe und Sicherheit vermitteln, Bedürfnisausdruck erlauben, Respekt und Bewunderung entgegenbringen, und auf besondere Weise auf Distanz und Nähe, aber auch Reizüberflutung achten. Wenn hochsensible Menschen in Beziehungen leben, zeigen sich besondere Problematiken, die Selmaier in seinem Vortrag darlegte. Im Berufsleben kann es bei hochsensiblen Personen besonders durch Zeitdruck, Multitasking und Gefühllosigkeit zu erhöhter Belastung kommen. Selmaier zeigte anhand von praktischen Beispielen verhaltenstherapeutische Behandlungsmöglichkeiten auf.

Zum Thema Resilienz und Vergebung in der Psychotherapie referierte Nelly Orlandini-Hagenhoff, Chefärztin der Fachklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen. Der Begriff der Resilienz stammt ursprünglich aus dem lateinischen und bedeutet so viel wie zurückspringen oder abprallen. Der Mensch sollte ähnlich wie in der Materialkunde die Eigenschaft von elastischen Stoffen erwerben, die nach extremer Belastung wie traumatische Erlebnisse wieder zur ursprünglicher Form zurückkehren. Das heißt, Krisen im Lebenszyklus sollen mit Hilfe persönlicher und sozialer Ressourcen gemeistert und als Anlass für Entwicklung genutzt werden können. Orlandini-Hagenhoff verwies dabei auf die Resilienzforschung und zeigte die Entwicklung der wissenschaftlichen Untersuchungen auf. Ein Forschungsergebnis erstaunte: Trotz hoher Prävalenz traumatischer Ereignisse von ca. 90 Prozent der westlichen Gesellschaft entwickeln lediglich bis zu 30 Prozent eine stressbedingte Störung wie Depression und Angststörungen. Als Resilienzfaktoren zeigen sich dabei individuelle, soziale und gesellschaftliche Faktoren. Anhand von zwei Fallbeispielen aus dem Klinikalltag zeigte Orlandini-Hagenhoff das Erkennen und die Behandlung von Krankheitsbildern und ging besonders auf die psychologischen Resilienzfaktoren wie zum Beispiel die Selbstwahrnehmungsfähigkeit, Selbstwirksamkeitserleben und Problemlösungsfähigkeit ein.

Den dritten Abend gestaltet Dr. Stephan Kamolz, Chefarzt der Rosengarten Klinik Heiligenfeld Bad Kissingen. Er referierte zum Thema „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) in der Psychotherapie“. Zu Beginn seines Vortrags ging er auf die unaufmerksame Person ein. Der Mangel der Aufmerksamkeit, auch Zerstreuung genannt, zeige sich durch Ungeduld, wenig Sorgfalt, Mangel an Aufmerksamkeit und Zuhören, oberflächliche Wahrnehmung, aber auch durch nur mangelhaftes Durchhaltevermögen. Gleichzeitig ist eine ausgeprägte Motivation, Dinge anzugehen vorhanden. ADHS ist die häufigste psychiatrische Erkrankung des Kinder- und Jugendalters, sagte Kamolz. In Deutschland sind ca. 4,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen, dabei Jungen etwa viermal häufiger als Mädchen. Beim Erkennen der Merkmale unterschied Kamolz in leichtgradig, mittelgradig und schwergradig. Zwillingsstudien ergaben, dass genetische Faktoren den überwiegenden Anteil der Ätiologie darstellen, sagte Kamolz. Aber auch psychosoziale Bedingungen wie zum Beispiel Vernachlässigung, Liebesentzug, Missbrauch wirken sich auf das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom aus. In der Therapie finden Stimulanzien und Medikamente Anwendung. Mit konkreten Maßnahmen für die Psychotherapie schloss Kamolz seinen Vortrag.

Dr. Heinz-Josef Beine, Chefarzt der Heiligenfeld Klinik Uffenheim referierte zum Thema Achtsamkeit und Selbstfürsorge in der Psychotherapie. Gleich zu Beginn gab er die Antwort auf die Frage: „Woher kommt die Achtsamkeit?“ Achtsamkeitsmethoden haben ihren Ursprung in der 2500 Jahren alten Meditationstradition des Buddhismus. Nach Jon Kabat-Zinn ist mindfulness eine weitwinkelartige Aufmerksamkeit, die absichtsvoll, sich auf den gegenwärtigen Moment beziehend und nicht wertend ist. Neben der Wirkung, nannte er die Aspekte der Achtsamkeit und zeigte die Achtsamkeitspraxis in der westlichen Psychotherapie wie zum Beispiel der Humanistischen Psychotherapie. Achtsamkeitstechniken wie MBSR, MBCT, DBT, ACT und MSC finden in den kognitiv-verhaltenstherapeutisch orientierten Therapieansätzen Anwendung. Er zeigte auch Fallbeispiele mit verschiedenen Krankheitsbildern wie zum Beispiel Borderline–Patienten auf. Beine stellte Achtsamkeit als integratives Therapieelement im Kliniksetting vor, die in den Heiligenfeld Kliniken Anwendung finden. „Diese Settings haben Einfluss, sowohl in der Einzelpraxis als auch im Kliniksetting“, sagte Beine und nannte die sich daraus ergebenen Anforderungen an den Beruf des Psychotherapeuten wie zum Beispiel die emotionale Überflutung und mangelnde Distanz, soziale Ermüdung und Selbstüberlastung. Um gesund zu bleiben, ist Selbstfürsorge wichtig. Anhand eines ABC nannte er hier Awareness, Balance, Connection bis hin zu kreativem Ausdruck und der Natur. Mit der Vorstellung, der Wirkung und Übungen zum Selbstmitgefühl schloss er seinen Vortrag.

Die Veranstaltungsreihe der Heiligenfelder Psychotherapietage endete mit dem Vortrag von Sven Steffes-Holländer, Chefarzt der Heiligenfeld Klinik in Berlin. Er sprach zum Thema „Posttraumatisches Wachstum in der Psychotherapie“. Sagte schon Friedrich Nietzsche: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“. Traumatische Ereignisse können bei richtiger Verarbeitung zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit beitragen. „Die Bewältigung von Traumatisierung kann durch Kunst erfolgen“, sagte Steffes-Holländer und zeigte dies anhand von vielen Kunstwerken und anhand der Künstlerin Catherine Meurisse auf. Die Entstehung des Krankheitsbildes der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) verdeutlichte er mit dem Bild der Traumatischen Zange, anhand des expliziten und implizitem Gedächtnis, der Hippocampusatrophie und ging auf die Prävalenzraten nach medizinischen Ereignissen ein. Verwandte Konzepte wie zum Beispiel Psychohygiene, Selbststeuerung, Konsistenztheorie, Salutogenese, Kohärenzgefühl, Positive Psychologie, Hardiness und Coping erklärte Steffes-Holländer. Um Posttraumatisches Wachstum zu erreichen, ist es notwendig, sich auf psychische Wachstumsaspekte zu fokussieren. „Dabei geschieht Reifung nicht aus der Erfahrung des widrigen Lebensumstandes und des Traumas an sich, sondern aus dem Bewältigungsbemühen der Betroffenen“, sagte Steffes-Holländer. Anhand der fünf Bereiche des Posttraumatischen Wachstums nach Richard G. Tedeschi endete er seinen Vortrag.

Bei allen Vorträgen hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Diese wurden im Anschluss von den Referierenden beantwortet. „Eine sehr hochwertige Vortragsreihe mit sehr viel Expertenwissen“, sagte eine Therapeutin aus Berlin. Eine Fortbildung unter Anerkennung der Bayerischen Landesärztekammer von zu Hause aus. „Weiter so“, ermutigte eine Therapeutin aus Nürnberg. „Ein klasse Format und zudem erhält man die Aufzeichnung und die Präsentationen“, freute sich ein Psychologe. „Endlich einmal wieder Heiligenfeld erleben, das war sehr gelungen“, gab eine Ärztin aus Stuttgart ihre Rückmeldung.