Selbstfürsorge für Angehörige von Menschen mit Depressionen

Immer wieder erreichen uns Fragen von Angehörigen unserer Patientinnen und Patienten zum Thema Selbstfürsorge. Dabei geht es häufig darum, wie man als Angehörige oder Angehöriger eines psychisch erkrankten Menschen mit der Erkrankung umgehen kann. Eine zentrale Frage dabei ist, wie man es schaffen kann, sich selbst nicht aufzugeben und Selbstfürsorge zu betreiben. In unserem letzten Beitrag zu dem Thema war dies auch einer der Tipps für Angehörige. Über unsere Social Media-Kanäle wurden wir gefragt, wie das genau gelingen kann, da die Erkrankung nicht nur für den oder die direkt Betroffene schwer ist, sondern auch den Angehörigen viel Kraft abverlangt. Aus diesem Grund haben wir zwei unserer Experten einmal diese Fragen gestellt. Den Anfang macht heute unser Chefarzt der Parkklinik Heiligenfeld, Dr. Hans-Peter Selmaier. Nächste Woche wird uns Angela Kalina etwas aus ihrer Sicht dazu erzählen. Sie ist stellvertretende Leitung der Kreativtherapie in der Fachklinik Heiligenfeld und für die Transferarbeit, die Sozialberatung und die Therapieeinführung verantwortlich. 

Wie schaffe ich es als Angehöriger eines depressiven Menschen mich im Rahmen einer guten Selbstfürsorge nicht selbst aus den Augen zu verlieren?

Wichtig ist, dass ich mich nicht schuldig fühle für die Erkrankung, auch wenn man früher dazu neigte, Angehörige in die Mitverantwortung zu nehmen. Eine übermäßige Verantwortungsübernahme verbunden mit Rettungsimpulsen Angehörigen gegenüber ist eher schädlich und womöglich Ausdruck einer Coabhängigkeit. Hilflosigkeit wird dadurch eher verstärkt, kleine Erfolgserlebnisse werden unmöglich. Es geht eher vielmehr um Hilfe zur Selbsthilfe, also um eine Art Assistenz.

Außerdem muss ich mir bewusst machen, dass ich kein Experte bin und dass mir, selbst wenn es so wäre, der nötige Abstand abgehen würde. Ich muss meine eigenen Belastungsgrenzen beachten und darf meine Interessen nicht völlig aus den Augen verlieren. Der Umgang mit einem depressiven Menschen kann dazu führen, dass man selbst auf vieles verzichtet: auf Dinge, die einem lieb sind, wie Sport oder Kultur. Es mag egoistisch erscheinen, dass man sich vergnügt, während jemand anderes leidet. Doch der oder dem Betroffenen ist nicht geholfen, wenn Sie auf sich nicht achtgeben. Und mir geht irgendwann möglicherweise die Kraft verloren, für andere da zu sein.

Wie achte ich auf meine Ressourcen bzw. reaktiviere sie?

Dabei berücksichtige ich alle Lebensbereiche. Ich nehme mir Zeit für mich und meine Hobbys, regelmäßige körperliche Aktivitäten und Elemente der Entspannung, Achtsamkeit und Meditation. Für mich persönlich wäre es z. B. hilfreich, mich auf meine Spiritualität zu konzentrieren. Eine besondere Bedeutung erhält der eigene Freundeskreis. Ich hole mir Hilfe bei Freunden oder Familienmitgliedern, um mir Freiräume zu schaffen, eventuell auch bei Dienstleistern. Freizeit bewirkt, dass das Leben auch Momente enthält, die Spaß und Freude erleben lassen. Für mich zu sorgen und auf meine Autonomie zu achten, ist einerseits unabdingbar, andererseits auch ein Modell für die depressive Partnerin, den depressiven Partner.

Wichtig ist es, zumindest einen Teil der Verantwortung abzugeben und sich zu entlasten, indem ich mein Gegenüber ermutige, professionelle Hilfe anzunehmen. Manchmal hilft es, an gemeinsamen Behandlungsangeboten teilzunehmen, z. B. an einer Familien- oder Paarberatung. Möglichst viel über das Krankheitsbild Depression zu wissen, verhilft zu eigener Sicherheit und schützt auch vor Orientierungslosigkeit und Verunsicherung („Wissen ist Macht“), das heißt auch vor falscher Selbstverausgabung. Angehörige empfinden möglicherweise Gefühle wie Traurigkeit, Wut, Verärgerung und Frustration. Ich sollte verstehen und akzeptieren, dass ich so empfinde; ich sollte mich dafür nicht verurteilen oder nach Perfektion streben.

Gibt es eine Übung, die Sie unseren Lesern an die Hand geben können?

In der Therapie lernen unsere Patientinnen und Patienten viele solcher Übungen zur Selbstbeobachtung und Selbststeuerung. Wir möchten in der nächsten Zeit auch hier im Blog und auf Social Media einige dieser Übungen anbieten. Die erste Übung, die heute nennen möchte ist die Übung des “sicheren Ortes”. Sie findet auch in therapeutischen Kontexten Anwendung oder wird in Imaginations- und Meditationstechniken eingebaut.

Übung des “sicheren Ortes”

Dein ganz persönlicher sicherer Ort ist immer bei dir und hilft dir in aufwühlenden Situationen, herunterzukommen und dich zu entspannen. Und so erschaffst du deinen sicheren Ort:

Setze dich am besten gemütlich hin und schließe deine Augen. Denke nun an einen Ort, an dem du dich sicher und friedlich fühlst. Nimm dir Zeit, um diesen Ort in deinen Gedanken zu erschaffen und lass ihn vor deinem inneren Auge real werden. Es ist völlig egal, ob du draußen oder drinnen, an einem realen oder imaginären Ort bist.

Du kannst deinen sicheren Ort ruhig nach und nach entstehen lassen. Nutze all deine Sinne: Was siehst du? Welche Geräusche kannst du an deinem sicheren Ort hören? Wonach riecht es, welcher Geschmack liegt dir auf der Zunge? Kannst du etwas an deinen Füßen und Händen spüren? Zum Beispiel Gras, Erde, den Wind oder etwas, das du in der Hand hältst? Je detaillierter du dir den Ort vorstellst, desto besser! Auch hier ist es am besten, wenn du deine Eindrücke niederschreibst. Versuche auch schriftlich so viele Details und Sinneseindrücke festzuhalten, wie möglich. Wenn du gerne malst, dann kannst du dir natürlich auch gerne eine Skizze deines sicheren Ortes machen. 

Deinen sicheren Ort kannst du beispielsweise während einer Meditation visualisieren. Schließe dafür, wann immer du dich danach fühlst, deine Augen, atme ruhig und erlebe deinen sicheren Ort in Gedanken, mit einem Sinn nach dem anderen. Du kannst an dem Ort herumlaufen, das Treiben an dem Ort von einem festen Platz aus beobachten oder ihn dir aus der Vogelperspektive ansehen.

Was kann ich tun, wenn ich als Angehöriger an die Belastungsgrenze gerate?

Ich muss mir gestatten, es erst einmal wahrzunehmen und zu akzeptieren, dass ich Grenzen habe. Gleichzeitig muss ich mich gegen die Bedürfnisse und Wünsche meines Gegenübers abgrenzen und mich selbst schützen. Eventuell ist es notwendig, mit den Behandlern des Gegenübers zu sprechen, damit auch meine Belange und meine Grenzen in der Behandlung besser wahrgenommen werden. Meinerseits kann ich mich an Nahestehende wende für Austausch, Trost, Kraft, Ermutigung und Unterstützung. Selbsthilfegruppen für Angehörige kommen in Frage. Nach einer Selbsthilfegruppe in der eigenen Region kann man beim Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen  suchen. Für Angehörige, die unter seelischen Belastungen leiden, bietet die Telefonseelsorge anonym und kostenlos Beratungsgespräche an: 0800/1110111 oder 0800/1110222. Zudem ist eine Beratung via Mail oder Chat möglich unter: www.telefonseelsorge.de. Krankenkassen, wie die AOK, haben in Zusammenarbeit mit Fachexperten den Familiencoach Depression für Angehörige von depressiv Erkrankten entwickelt. Dort findet man wichtige Informationen über depressive Erkrankungen und praktische Tipps für den Alltag. Unter anderem werden in Kurzfilmen konkrete Situationen geschildert, die im Alltag mit den Betroffenen häufig zu Problemen führen – und Lösungen aufgezeigt. Möglichkeiten sind weiter Beratungsstellen wie Ehe- und Familienberatung, auch der Kirchen, sowie auch Seelsorge oder der Sozialpsychiatrische Dienst. Als nächstes kommt ein Hausarzt in Frage, der eventuell über die Zusatzbezeichnung „Psychosomatische Grundversorgung“ verfügt und zuletzt Therapeut*innen für die eigene Therapie

Ist die Gefahr hoch, selbst zu erkranken?

Folgendes ist stets zu beachten: etwa jeder zweite Angehörige wird selbst krank. Viele Angehörige engagieren sich so stark für ihren Angehörigen, dass sie ihre eigene Gesundheit aus den Augen verlieren, sie vernachlässigen sich. Sie erkranken selbst psychisch oder sind anfälliger für körperliche Beschwerden wie Stoffwechselerkrankungen und Bluthochdruck. Experten schätzen: 40 bis 60 % aller Angehörigen eines psychisch Kranken haben durch die Belastung selbst Krankheiten entwickelt. Untersuchungen haben ergeben, dass jeder zweite Lebensgefährte eines depressiv Erkrankten nach einiger Zeit selbst depressive Symptome zeigt. Deshalb haben wir ein eigenes Behandlungskonzept für Menschen in familiären Belastungssituationen entwickelt. Ich muss gerade, wenn ich meine Belastungsgrenze erreiche besonders auf meinen Körper und meine Psyche achten. Das beinhaltet einen gesunden Lebensstil und Gesundheitsfürsorge.

Und was ist, wenn das alles nichts bringt?

Zuletzt muss ich für mich immer wieder überprüfen, ob man die Verantwortung für den Gegenüber noch tragen kann und will.  Wenn man merkt, dass man in der Beziehung keine Luft mehr zum Atmen hat, wenn eigene Interessen und Bedürfnisse nicht mehr sein dürfen, wenn man selber leidet und krank wird, steht Veränderung an. Zunächst sollte man die eigenen Belastungen ansprechen und versuchen, gemeinsam etwas zu verändern, damit man sich wieder wohler fühlt. Empfehlenswert sind z. B. einzelne Gespräche mit dem Gegenüber bei dessen Arzt oder Therapeuten, um die Situation zumindest schildern zu können und gemeinsam einen Weg aus der Sackgasse zu suchen. Und wenn alles nichts bringt, dann muss man überlegen, was im eigenen Verantwortungsbereich liegt und was in dem der depressiven Person? Man sollte nicht aus Mitleid, etwas über sich ergehen lassen, was die eigenen Grenzen sprengt. Das ist insbesondere der Fall, wenn z. B. wiederholte Suiziddrohungen ausgesprochen werden und Behandlungen abgelehnt werden. Dann muss ich mich und meine Familie schützen und die Konsequenzen ziehen. So lautet auch die oberste Regel im Erste-Hilfe-Kurs „Selbstschutz geht vor Fremdschutz“.

Dr. Hans-Peter Selmaier

Dr. Hans-Peter Selmaier

Dr. Hans-Peter Selmaier ist Arzt für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Psychoanalyse sowie für Innere Medizin. Als Chefarzt leitet er die Parkklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen.

Wenn Angehörige Hilfe brauchen

Wir bieten in unseren Kliniken Menschen in besonderen familiären Belastungssituationen Unterstützung.

Selbsttest "Depression"

Dieser Selbsttest liefert eine erste Einschätzung darüber, ob Sie selbst oder ein Angehöriger an einer Depression leidet.

Akademie Heiligenfeld

Selbstfürsorge ist auch in der Akademie Heiligenfeld ein zentrales Thema. Wenn Sie sich näher mit diesem Thema beschäftigen möchten, dann stöbern Sie doch einmal in den Angeboten unserer Akademie. Online oder in Präsenz: für Jeden ist das Passende dabei.  

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:

Sie finden diesen Beitrag interessant? Dann teilen Sie ihn gerne.

Unsere Kliniken | Krankheitsbilder | Therapiekonzept

Unsere Kliniken

Zu den Heiligenfeld Kliniken gehören 7 Kliniken an 5 Standorten.

Krankheitsbilder

Wir behandeln psychosomatische und somatische Krankheiten.

Therapiekonzept

In unseren Kliniken finden Sie ein "Zuhause auf Zeit".

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.