“Borderliner können sich selbst nicht lieben”

Udo Girg, Leitender Psychologe der Heiligenfeld Klinik in Waldmünchen, erzählt über die Auslöser und Merkmale einer Borderline-Störung und wie man am besten mit den Betroffenen umgeht. In der Familienklinik Heiligenfeld Klinik Waldmünchen behandelt er auch Jugendliche.Therap_GirgUdo

Herr Girg, kann man bei Jugendlichen überhaupt von Borderline reden?

Ja und nein. Nach der medizinischen Lehre gilt, dass bei jungen Menschen erste Anzeichen vorliegen können, die Störung sich aber erst im Erwachsenenalter ausgeprägt zeigt und auch erst dann diagnostiziert werden sollte. Ich halte es abgesehen davon nicht für hilfreich, davon zu sprechen, dass jemand eine psychische Erkrankung “hat”. Wir haben ein Fahrrad oder ein neues Paar Schuhe. Es macht vielleicht auch noch Sinn, davon zu sprechen, dass wir Hunger oder Angst “haben”.

Welche Merkmale hat die Borderline-Störung?

Als Symptom einer Borderline-Störung gilt vor allem eine ausgeprägte Impulsivität. Das heißt, anhaltend starke Gefühlsschwankungen zu haben – zum Beispiel verliebt, aber auch sehr gekränkt sein zu können. Sorge zu haben, ob man gemocht und angenommen wird. Anderen Menschen unbedingt nahe sein zu wollen, die Nähe aber nicht lang aushalten zu können aus quälender Angst, verlassen zu werden, und sich gleichzeitig aus schädigenden Beziehungen nicht lösen zu können. Betroffene finden keine Beständigkeit und Sicherheit, keine überdauernde Identität in ihrem Inneren und in ihrem Verhalten. Es gelingen ihnen keine Beziehungen, in denen sie Halt finden. Es fällt auf, dass Ähnlichkeiten zu Verhaltens- und Erlebensweisen bestehen, die für das Jugendalter durchaus typisch sein können. Jugendliche, die möglicherweise von einer Borderline – Störung betroffen sind, zeigen aber ein in dieser Hinsicht noch deutlich stärker verhärtetes Verhalten, das sie immer wieder in Konflikte mit ihrer Umwelt bringt und sie selbst in zunehmende Verzweiflung stürzen kann.

Warum kann die Borderline– Störung gerade im Jugendalter beginnen?

Jugendliche durchleben einen Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, zwischen dem von den Eltern bestimmten Leben eines Kindes und der bald geforderten eigenständigen Verantwortung als Erwachsener. Dazu kommen die körperlichen und hormonellen Veränderungen des Körpers, mit den neuen sexuellen Bedürfnissen und der Aufgabe, sich mit alldem in der Gruppe der Gleichaltrigen behaupten zu können. Als werdende Frau oder als werdender Mann braucht man die Eltern dabei ebenso, wie man sich von ihnen lösen muss. Und dann müssen auch noch Schule und Ausbildung erledigt werden. Dieser Zustand verlangt, so viel Ungewissheit, innere Konflikte und Turbulenzen auszuhalten, so viel Lernfähigkeit und Durchhaltevermögen aufzubringen, wie wohl in keinem anderen Stadium der menschlichen Entwicklung. Daher verwundert es nicht, wenn gerade in diesem Lebensalter bis dahin noch verborgene seelische Wunden aus der früheren Lebensgeschichte aufbrechen und sich in verschiedenen Verhaltensauffälligkeiten zeigen.

Was löst eine Borderline Störung aus?

Bei praktisch allen jugendlichen Patienten in unserer Familienklinik in Waldmünchen erleben wir, dass sie in ihrer Familie keine ausreichend sicheren und halbwegs wertschätzenden Beziehungen erlebt haben. Es gibt eben Eltern, die ihrem Kind wegen ihrer eigenen psychischen Belastung nur begrenzt eine Bestätigung und angemessen liebevoll Elternperson sein können. Das kann davon kommen, dass sie vielleicht selbst die Liebe nicht bekommen haben, die wir alle brauchen, um seelisch gesund zu sein. Bei vielen Jugendlichen erfahren wir, dass sie außerdem Gewalt und sexuellen Missbrauch erlebt haben. Wiederum andere leben in vordergründig heilen Familien, in denen übermäßig bindende loyale Beziehungen herrschen. Das alles sind aber nicht die Ursachen, sondern die größeren Zusammenhänge, in denen das Verhalten des Jugendlichen gesehen werden muss, um ihm gerecht zu werden. Die Diagnose Borderline-Störung bezeichnet so gesehen die seelischen Wunden, die ein Jugendlicher in seinem Leben erlitten hat.

Wie geht man mit Betroffenen am besten um?

Es macht Sinn, das auffällige Verhalten von Jugendlichen als ihren Versuch zu sehen sich vor weiteren seelischen Verletzungen zu schützen und doch noch zu bekommen, was sie brauchen. Weil sie nicht ausreichend Liebe und Zuneigung erfahren haben, um sich selbst zu lieben und zu achten, laufen sie Gefahr, oberflächliche Beziehungen  einzugehen und sich für Zuwendung anzubieten. Andere Jugendliche suchen die lang vermisste soziale Einbindung und Anerkennung in Jugendgruppen, wo sie andere Betroffene finden und sich endlich verstanden fühlen. Sie können ihre Gefühle von Leere, Langweile und Selbstzweifel, hinter denen sich immer große Wut verbirgt, aber dort nicht angemessen überdenken und benennen, sondern handeln gemeinsam protestierend und orientierungslos – oft in selbstzerstörerischen Verhaltensmustern. Andere Jugendliche zeigen Symptome wie zum Beispiel Essstörungen oder sind suizidgefährdet. Sie alle wollen auf diese Weise etwas zum Ausdruck bringen, was sie mit Worten nicht sagen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 Buchtipp:

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Experten schätzen, daß mehr als ein Drittel aller Psychotherapiepatienten mehr oder weniger ausgeprägt am sogenannten Borderline-Syndrom leiden. Für sie gibt es nur ein Entweder-Oder. Anhand des Märchens “Hans mein Igel” vermittelt der Autor einfühlsam das notwengige Wissen über Entstehung, Verlauf und Heilung der Borderline-Störung.
Das Buch finden Sie im Buchshop Heiligenfeld.

 

 

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