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Warum junge Menschen zunehmend mit KI reden

Junger Mann tippt in sein Handy und chattet mit KI als Beispiel für Junge Menschen nutzen KI als Gesprächspartner.

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Wenn aus einem Werkzeug ein Gesprächspartner wird

Es beginnt oft beiläufig. Eine Schülerin fragt einen Chatbot nach einer Formulierung für eine Nachricht. Ein Student lässt sich bei einem Referat helfen. Danach wird das Gespräch persönlicher: Streit mit Freunden, Liebeskummer, Druck im Studium, Angst vor der Zukunft. Aus einem digitalen Werkzeug wird Schritt für Schritt ein Ort für Sätze, die im Alltag kaum unterzubringen sind.

Genau hier wird das Thema psychologisch interessant. Junge Menschen suchen in solchen Momenten meist keine Technik. Gesucht wird Aufmerksamkeit ohne genervten Unterton, eine Reaktion ohne lange Wartezeit, ein Gespräch, das nicht sofort abreißt. Eine KI kann genau diesen Eindruck erzeugen: schnell, höflich, sprachlich angepasst, scheinbar zugewandt. Für viele fühlt sich das erst einmal erleichternd an. UNICEF weist zugleich darauf hin, dass gerade daraus emotionale Bindungen und neue Risiken entstehen können (UNICEF Innocenti, 2025)¹ .

Aktuelle Daten aus Deutschland zeigen, dass fast acht Prozent der Minderjährigen KI-Anwendungen gegen Einsamkeit nutzen. Bei Jugendlichen mit depressiver Symptomatik liegt der Anteil bei über 30 Prozent. Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen verwenden KI-Chatbots mindestens wöchentlich. Ein Teil nutzt sie, um negative Gefühle abzufedern, Einsamkeit zu lindern oder intime Gespräche zu führen (DAK-Gesundheit, 2026)².

„Kinder und Jugendliche suchen Aufmerksamkeit ohne genervten Unterton ein Reaktion ohne Wartezeit und ein ihnen zugewandtes Gespräch. Wenn das in ihrem Umfeld nicht gegeben ist, sind sie anfälliger für persönliche Gespräche mit der KI.“

Sven Steffes Holländer, Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld Kliniken
Chefarzt der Heiligenfeld Klinik Berlin.

Warum KI sich für viele junge Menschen so entlastend anfühlt

Diese Zahlen zeigen mehr als Mediennutzung. Sie zeigen, dass sich verschiebt, an wen man sich mit inneren Themen wendet. Früher landeten solche Gedanken eher im Tagebuch, bei einer Freundin, einem Bruder oder in einem späten Gespräch mit einem Elternteil. Heute landen sie oft in einem Chatfenster. Das verändert, wie junge Menschen Trost, Selbstoffenbarung und Nähe erleben.

Die Anziehungskraft ist leicht zu verstehen. Eine KI ist immer da. Sie wirkt geduldig und signalisiert keine Überforderung. In einem Alltag, der von Tempo, Vergleich und knapper Aufmerksamkeit geprägt ist, hat das enorme Wirkung. Wer sich bei Menschen oft unterbrochen, korrigiert oder missverstanden fühlt, erlebt im Kontakt mit einem Chatbot vielleicht zum ersten Mal seit Langem, dass ein Gedanke vollständig ausgesprochen werden kann. Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz betont deshalb, dass junge Menschen Orientierung im Umgang mit KI-Chatbots brauchen (Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz [BzKJ], 2026a)³’⁴.

Gerade das macht die Sache heikel. Verstandenwerden hat in Jugend und frühem Erwachsenenalter eine enorme seelische Bedeutung. Ein Chatbot kann dieses Gefühl erstaunlich überzeugend erzeugen. Er spiegelt, benennt Gefühle und formuliert zugewandt. Was dabei entsteht, wirkt nah. Es bleibt trotzdem eine Simulation. Hinter dieser Resonanz steht kein innerlich beteiligter Mensch, keine Erinnerung, keine Verantwortung, keine gemeinsame Geschichte. Über langfristige soziale, emotionale und kognitive Folgen weiß man bislang noch wenig.

Für Jugendliche und junge Erwachsene mit innerer Unsicherheit kann genau diese Form von Resonanz besonders verführerisch werden. Wer Angst hat, mit Gefühlen zu viel zu sein, erlebt den Chatbot als schonenden Ort. Wer sich schämt, kann dort Sätze aussprechen, die im direkten Kontakt stocken würden. Wer Kränkung oder Abwertung erwartet, stößt im digitalen Gegenüber auf eine Form von Sanftheit, die im Alltag oft fehlt. Das entlastet. Gleichzeitig fehlen genau die Erfahrungen, an denen Beziehung reift: Missverständnisse klären, Grenzen spüren, die Perspektive des anderen mitdenken, Enttäuschung aushalten.

Podcast: Angst

In diesem Podcast mit unserer Psychologin Ulrike Martzinek erfahren Sie, was Angst ist und wie man Angst überwinden kann.

Was junge Menschen heute wirklich brauchen

Die WHO beschreibt soziale Verbundenheit als wichtigen Schutzfaktor für psychische und körperliche Gesundheit. Wer sich eingebunden fühlt, lebt gesünder, stabiler und weniger einsam. Gerade deshalb ist die Attraktivität künstlicher Beziehungen so aufschlussreich. Sie zeigt, wie groß der Hunger nach verlässlicher Zuwendung geworden ist (World Health Organization, 2025)⁵.

Für Eltern, Lehrkräfte und therapeutische Fachkräfte liegt der entscheidende Punkt deshalb tiefer als bei der reinen Bildschirmzeit. Relevant ist die Funktion, die KI im Leben eines jungen Menschen übernimmt. Hilft sie beim Lernen, beim Ordnen von Gedanken, beim Formulieren? Oder wird sie zum Ort für Trost, Rückzug und intime Selbstoffenbarung? Erst dort zeigt sich, worum es eigentlich geht.

Ebenso wichtig ist eine klare Sprache über Grenzen. KI ist weder Freund noch Therapeutin noch verlässliches Gegenüber in seelischen Krisen. Sie kann ordnen, spiegeln, beruhigen und antworten. Verantwortung übernehmen kann sie nicht. Die American Psychological Association warnt deshalb ausdrücklich davor, generative KI-Chatbots als Psychotherapie oder psychologische Behandlung zu betrachten (American Psychological Association, 2025)⁶.

Am Ende erzählt dieses Thema sehr konkret etwas über unsere Zeit. Junge Menschen wachsen in einer Welt auf, in der vieles sofort beantwortet wird und erstaunlich wenig wirklich aufgenommen wird. Darin liegt die eigentliche Herausforderung. Wo Zuhören gelingt, wo Unsicherheit Platz hat und ein halbfertiger Gedanke stehen bleiben darf, verliert die künstliche Beziehung einen Teil ihrer Anziehungskraft. KI wird bleiben. Umso wichtiger ist, dass junge Menschen in ihrem Alltag echte Gegenüber erleben, die ansprechbar, belastbar und innerlich präsent sind.

Podcast: Angst - eine Übung

In diesem Podcast lernen Sie eine Übung kennen, die Ihnen bei aufkommender Angst helfen kann, die Situation zu meistern.

Wie Sie Ihre Kinder unterstützen können

Tipp: Fragen Sie nicht nur, ob Ihr Kind KI nutzt, sondern wofür.

Viele Jugendliche verwenden KI nicht nur für Hausaufgaben, sondern auch, um über Sorgen, Konflikte oder Gefühle zu sprechen. Interessieren Sie sich dafür, welche Rolle die KI im Alltag Ihres Kindes spielt. Fragen Sie offen und ohne Bewertung: „Worüber sprichst du mit der KI?“ oder „Was hilft dir daran?“.

Oft geht es weniger um die Technik als um das Bedürfnis, gehört und verstanden zu werden. Wer sich zu Hause mit seinen Gedanken und Gefühlen angenommen fühlt, ist weniger darauf angewiesen, emotionale Nähe vor allem im Chatfenster zu suchen.

Weiterführende Inhalte

Die bewusste Auseinandersetzung mit Emotionen ist ein zentraler Bestandteil unserer therapeutischen Arbeit. Wenn Sie sich tiefer mit den daraus resultierenden Gefühlen oder Ansätzen aus unserem Konzept beschäftigen möchten, empfehlen wir Ihnen folgende Inhalte:

Depressionen bei Jugendlichen

Symptome und Umgang mit Betroffenen

Aufnahmewege in die Heiligenfeld Kliniken

Interessieren Sie sich für einen Aufenthalt in den Heiligenfeld Kliniken?
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Bild von Sven Steffes-Holländer
Sven Steffes-Holländer
Sven Steffes-Holländer ist Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld Kliniken. Er ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und zudem Chefarzt der Heiligenfeld Klinik Berlin. Als Autor, Speaker und Dozent trägt er mit seinem Fachwissen zur Aufklärung über psychische Erkrankungen bei.
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Sven Steffes-Holländer
Sven Steffes-Holländer ist Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld Kliniken. Er ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und zudem Chefarzt der Heiligenfeld Klinik Berlin. Als Autor, Speaker und Dozent trägt er mit seinem Fachwissen zur Aufklärung über psychische Erkrankungen bei.

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