Montagmorgen. Jana sitzt im Meetingraum. Neonlicht summt, Porzellantassen klappern, drei Chats ploppen auf. Während andere „ideenoffen“ sprechen, hat Jana den Ablauf längst sortiert: Meilensteine, Risiken, Engpässe. Gleichzeitig schneidet ihr das Geräusch der Klimaanlage wie Glas durchs Ohr. Nach dem Meeting der Standardsatz: „Du bist halt eigen.“
Jana denkt: Ich bin nicht eigen. Ich bin ich. Später findet sie das Wort, das ihren Alltag erklärt: Neurodivergenz.
Was „Neurodivergenz“ wirklich meint
Neurodivergent beschreibt Menschen, deren Reizverarbeitung, Aufmerksamkeit, Kommunikation oder Motorik anders organisiert ist als erwartet. Formen der Neurodivergenz sind Autismus, ADHS, Dyslexie, Dyspraxie, Tourette. Wichtige Klarstellung:
- Kein Etikett, sondern Perspektive. Diagnosen beschreiben Beeinträchtigungen und leiten Hilfe ab. „Neurodivergent“ beschreibt Vielfalt – mit Stärken und Bedarfen.
- Kontinuum statt Schublade. Viele Merkmale liegen auf Skalen (z. B. Reizempfindlichkeit). Entscheidend ist die Passung zwischen Person und Umgebung, nicht die „Richtigkeit“ der Person.
- Stärken sind real. Detailfokus, Mustererkennung, Systemdenken, Hyperfokus, Ehrlichkeit, Ausdauer. Diese Stärken explodieren, wenn Rahmenbedingungen stimmen – und sie ersticken, wenn alles gegen die eigene Logik läuft.
Diagnostik mit Sinn und Verstand
Manche wollen es genau wissen: Trifft auf mich eine Diagnose zu? Eine seriöse Abklärung kann entlasten – besonders, wenn Schule, Ausbildung oder Job an ähnlichen Stellen scheitern. Gute Diagnostik bedeutet Gesamtbild: Biografie, aktueller Alltag, Stärken und Stolpersteine, Differenzialdiagnosen, Komorbiditäten wie Angst oder Depression. Ziel ist nicht, jemanden zu etikettieren, sondern Sprache und Wege zu finden: Was hilft? Was überfordert? Welche Rechte habe ich? Wie strukturiere ich mein Leben passend zu mir?
Die Klassifikationen (ICD-11/DSM-5) ordnen Autismus, ADHS und spezifische Lernstörungen den neuroentwicklungsbezogenen Störungsbildern zu und gehören damit zur Neurodivergenz. Leitlinien fassen das praktisch: multimodales Vorgehen bei ADHS; bei Autismus Fokus auf Teilhabe, Kommunikation, Reizregulation und Alltag. Kein Dogma, Passung ist Prinzip.
Leitlinienkern:
„Behandlung orientiert sich an Funktionsbeeinträchtigungen und Zielen – nicht an Etiketten.“
Alltag statt Lehrbuch: Wie Veränderung konkret aussieht
Zurück zu Jana. Früher kam sie abends leer zu Hause an – nicht wegen der Arbeit selbst, sondern wegen des Drumherums. Nach einem offenen Gespräch in ihrem Team passiert Folgendes:
- Reize: Ruhigerer Arbeitsplatz; bei Bedarf Homeoffice. Meetings 45 statt 60 Minuten, dazwischen fünf Minuten Luft.
- Struktur: Jede Sitzung hat eine Agenda und eine kurze schriftliche Zusammenfassung. Aufgaben: klar, messbar, terminiert.
- Kommunikation: Statt „kannst du mal schnell“ gibt es eindeutige Bitten. Jana darf Überlastung benennen – ohne Rechtfertigungsschleife.
- Fokuszeiten: Zwei „Deep-Work-Fenster“ am Vormittag. Messenger stumm, nur Notfälle kommen durch.
Nichts davon ist spektakulär. Für Jana ist es der Unterschied zwischen Dauerstress und Aufblühen. Sie bleibt dieselbe Person, die Passung wird einfach besser.
Wichtig:
„Camouflaging“ – also das ständige „So-Tun-Als-Ob“ – ist verbreitet und kostet Energie. Weniger Maskierung, mehr klare Absprachen bedeuten bessere Lebensqualität und weniger Erschöpfung.
Schule, Studium, Arbeit: Fairness ist kein Bonus
Anpassungen sind keine „Extrawürste“, sondern faire Startbedingungen. Das Recht auf angemessene Vorkehrungen bedeutet: individuell nötige Anpassungen, die niemanden unzumutbar belasten – z. B. extra Zeit bei Prüfungen, ruhige Räume, klare schriftliche Infos, alternative Leistungsnachweise oder ein Arbeitsplatz ohne Dauerlärm.
Fair heißt nicht, alle gleich zu behandeln, sondern gerecht.
Praxisbeispiele, die wirken
- Reizschutz: Noise-Cancelling, gedimmtes Licht, Meeting-Hygiene.
- Struktur: Wochenplan, Agenda, schriftliche Next Steps.
- Kommunikation: klare Bitten, kurze Feedback-Loops, visuelle Infos.
- Leistungserfassung: mehr Zeit/Einzelraum, alternative Formate.
- Arbeitsorganisation: Deep-Work-Fenster, „No-Meeting“-Zeiten, Job-Crafting.
Merksatz:
„Strukturen helfen allen – neurodivergenten Menschen helfen sie zuerst.“
Meditation: Abgrenzung
Sprache macht einen Unterschied
Einige bevorzugen „autistische Person“ (Identität zuerst), andere „Person mit Autismus“. Richtig ist, was betroffene Menschen selbst möchten. Fragen ist respektvoll. Wichtig: keine Maskierung erzwingen – also nicht verlangen, dass jemand dauerhaft so tut, als wäre er neurotypisch. Das kostet Substanz und führt oft in Erschöpfung.
Häufige Missverständnisse
- „Neurodivergent = krank?“ Der Begriff beschreibt Unterschiede. Diagnosen benennen zusätzlich Beeinträchtigungen und leiten Unterstützung ab.
- „Geht das wieder weg?“ Unterschiede bleiben meist, der Umgang damit kann sich stark verbessern.
- „Sind das jetzt plötzlich alle?“ Sichtbarkeit und Kriterien haben sich verändert. Vielfalt wird erkennbarer – das ist Fortschritt, kein „Trend“.
Weiterführende Inhalte
Neurodivergenz gerät aktuell immer mehr in den Fokus und soll dazu beitragen, das Stigma abzubauen, dass neurodivergente Menschen „krank“ sind. Ihre Gehirne funktionieren einfach nur anders. Weitere Informationen finden auch unter den nachfolgenden Artikeln.
ADHS im digitalen Zeitalter
Aufnahmewege in die Heiligenfeld Kliniken
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